Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

In der Region Antioquia, unweit der Landesgrenze zu Panama, gehe ich auf Tuchfühlung mit dem sogenannten Post-Konflikt in Kolumbien. Hier hat sich die Gewalt auch nach dem Friedensabkommen zwischen Farc-Guerilla und Santos-Regierung vor rund zwei Jahren hartnäckig gehalten – auch, wenn die Akteure zum Teil andere sind.

Ich fahre nach Apartadó, einer abgelegenen Stadt im Nordwesten des Landes, die Touristen eher abschreckt als anzieht. Auch viele Einheimische können nicht nachvollziehen, was ich dort will – wo es doch so viele schöne, ruhige und touristische Ziele im Land gibt. Sie bezeichnen Apartadó als „caliente“ (heiß) – was sich nicht nur auf das Klima bezieht – oder „zona roja“ (rote Zone).

Hier haben die Paramilitärs das Machtvakuum gefüllt, das die demobilisierten Guerilleros hinterlassen haben. So sehen es zumindest die Menschen, die in der Region leben. Die kolumbianische Regierung spricht dagegen lieber von Dissidenten, anderen Guerilla-Gruppen oder einfach Kriminellen, die in der Gegend ihr Unwesen treiben.

Von Apartadó geht es mit einem klapprigen und vollbeladenen Jeep über eine wenig befestigte Schotterpiste. Eine knappe dreiviertel Stunde dauert die Fahrt von der Stadt mitten in den Dschungel. Mich empfängt ein hoher Zaun mit einem kleinen Durchgang. Das Gelände, das dahinter liegt, weist ein großes Schild als „zona neutral“ aus: neutrale Zone.

Mit Macheten umzugehen lernen in der Friedensgemeinschaft San Josecito schon die Kinder. Aber nicht, um sie gegen Menschen einzusetzen. Stattdessen ernten sie damit Kakao oder schlagen Gestrüpp oder giftige Schlangen aus dem Weg, wenn sie durch den Dschungel reiten.

Ich bin zu Gast in der Friedensgemeinschaft „Comunidad de Paz de San José de Apartadó“. Sie existiert seit rund 20 Jahren und ist ein Zusammenschluss aus Bauern in der Region, die gewaltlosen Widerstand leisten gegen die Unterdrückung, die von bewaffneten Gruppen seit Jahrzehnten ausgeht.

Levis, Mitte 20, ist der erste in der Friedensgemeinschaft, mit dem ich ein längeres Gespräch führe. In seinen Worten war einst die Guerilla „der Krebs Kolumbiens“ – heute seien das die Paramilitärs. Einst Kontrahent der größten Guerilla-Gruppe des Landes, Farc, haben sie sich seit dem Friedensabkommen erst recht ausgebreitet. Sie kontrollieren den Koka-Anbau in der Region und zwingen Bauern, dabei mitzumachen, erheben „Steuern“ auf das, was die Bauern sonst noch anbauen und schreiben ihnen vor, wie viel sie ernten und verkaufen dürfen. „Es gibt hier Gebiete, in die noch nicht mal die Polizei oder das Militär reingehen. Hier machen die Paramilitärs die Gesetze“, erklärt Levis.

Feldrecherche: Einer der Gründer der Gemeinschaft, Jesus Emilio, nimmt mich mit zur Kakaoernte. Die Bohnen sind eine wichtige Einnahmequelle für die Gemeinschaft. Einige Tonnen werden in England zu Seife verarbeitet, einige in Deutschland zu Schokolade – bio und fair gehandelt.

Er ist in der Zone geboren, die seit Jahrzehnten von dem Konflikt zwischen bewaffneten Gruppen gezeichnet ist. Sein Vater war einer der ersten, die sich mit der Gründung der Friedensgemeinschaft kollektiv und offiziell der Gewalt und Illegalität widersetzt haben. Mit dem Zusammenschluss zur  „Comunidad de Paz de San José de Apartadó“ bevölkerten sie ein eigenes Terrain, auf dem weder Waffen noch Parteinahme erlaubt sind, um hier mit dem Halt der Gemeinschaft selbstbestimmt der Arbeit auf dem Land nachgehen zu können.

Zu Beginn zählte die Gemeinschaft rund 1300 Mitglieder – heute sind es noch gut 700. Rund 300 seien über die Jahre ermordet worden, viele weitere seien geflohen, erzählt Levis, weil sie die ständige Bedrohung ihres Lebens nicht mehr ausgehalten hätten. Sie seien den Paramilitärs ein Dorn im Auge, „weil wir nicht mitmachen bei ihren Geschäften und sie immer wieder denunzieren, wenn wir sie in unseren Gebieten sehen. Außerdem haben sie es auf unsere Ländereien abgesehen, damit sie Geld machen können mit Ölförderung oder anderen Megaprojekten.“

Die Kirche im Dorf: Gelegentlich kommt ein Pastor vorbei und gibt eine Messe. Häufig dient die Kathedrale zu Trauerfeiern.

Nur dank der Präsenz internationaler Beobachter von Nicht-Regierungs-Organisationen wie den „Peace Brigades International“ oder der italienischen „Operazione Colomba“ (Operation Friedenstaube) seien immerhin noch einige Hundert von ihnen übrig: „Solange Ausländer kommen, so wie du, trauen sie sich nicht, uns einfach platt zu machen. Das würde zu viel Aufsehen erregen. Aber allein rausgehen und auf dem Feld arbeiten oder mit dem Pferd rausreiten, das ist immer eine große Gefahr.“

Morgens kräht der (Trut-)Hahn – und abends kommt seine Henne in die Suppe: die Friedensgemeinschaft versucht sich weitgehend autark zu versorgen.

Die meisten Familien, die zu der Gemeinschaft gehören, leben auf der umzäunten Fläche, die sie San Josecito nennen. Das Dorf besteht aus einfachen Holzhäusern, um die herum Schweine, Hühner und Hunde laufen. Einziges Fortbewegungsmittel der Gemeinschaft sind Pferde und Maultiere. Die nützen ihnen auch mehr als Autos: Kurz hinter dem Dorf gibt es keine Straße mehr und die Familien, die zur Gemeinschaft gehören, aber tiefer im Landesinnern wohnen, sind zum Teil nur über mehrstündige bis mehrtägige Fußmärsche zu erreichen.

Nach unserem Gespräch sattelt Levis sein Pferd, um nach Mulatos zu reiten; eine Bauernschaft acht Stunden von hier entfernt, in der noch zwei Familien leben, die zur Friedensgemeinschaft gehören. Seit Monaten patrouillieren dort regelmäßig Paramilitärs und bedrohen die Bauern, um sie von dort zu vertreiben – deshalb versuchen die anderen Mitglieder der Gemeinschaft in Begleitung internationaler Beobachter dort Präsenz zu zeigen.

Aufzugeben und sich von hier vertreiben zu lassen kommt für Levis – wie für viele andere, mit denen ich in den Tagen hier spreche – nicht in Frage. Als er noch ein Kind war, wurde sein Vater von den Paramilitärs getötet. Einige Mitglieder der Gemeinschaft hätten über die Jahre Dutzende Familienmitglieder durch die Hand der organisierten Gewalt verloren. Deshalb sei es für ihn keine Option, diesen Ort zu verlassen: „Mein Vater ist dieses Land hier, er ist diese Gemeinschaft, deshalb werde ich weiter Widerstand leisten, solange ich es noch kann.“

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