Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„Würde es die Protestbewegung nicht geben, würde es die Benoabucht heute nicht mehr geben!“ Er muss es wissen. „Und trotzdem ist die Bucht noch nicht gerettet.“ Der Journalist Bram Setiawan hat den Protest in den letzten drei Jahren begleitet, unter anderem als Bali-Korrespondent für das renommierte Magazin Tempo. Von ihm erhoffe ich mir einen objektiven Überblick: Was ist der aktuelle Stand? Wie geht es weiter? Am Ende lerne ich, woran der Protest doch noch scheitern könnte.

Nach dem die Tüte mit den frittierten Bananen aufgegessen ist…

Überpünktlich kommt der Nicht-all-zu-Große 28-Jährige samt seinen schulterlangen Locken in schnellen Schritten um die Ecke gesaust, streckt mir die rechte Hand entgegen während die linke an einer Zigarette herumfingert. Rasender-Reporter-Style. Seine Bekannte Brahnita übersetzt. „Jetzt gerade hat die Bewegung nicht aufgehört, sie macht eine Pause.“ Eine Protestbewegung, die abwartet. „Das schadet der Bewegung nicht.“ Alle warteten jetzt auf eine Entscheidung der Politik. Die Bucht sei nämlich noch nicht endgültig gerettet. „Nur diese eine Sache kann die Landgewinnung wirklich verhindern.“ Im Hintergrund übt jemand Schlagzeug, wie passend. „President regulation, perpress 51 tahun 2014.“ Die präsidiale Regulierung von 2014 (Präsident Susilo Bambang Yudhoyono hatte die Benoa Bucht in ein Gewerbegebiet umgewandelt) muss aufgehoben und die Benoa Bucht wieder zum Naturschutzgebiet deklariert werden. Dann wird das Gespräch etwas müßig. „Wer kann das machen?“ frage ich. „Nur der amtierende Präsident.“ „Wieso tut er es nicht?“ „Weiß ich nicht.“ „Was vermutest du denn?“ Jetzt hakt die Übersetzung. Es sei alles zu kompliziert. Indonesien habe viele „Issues“. „Was für Issues?“ Mehr Ausweichen als Antworten. Mein Nachbohren wird mir selbst richtig unangenehm. Merkwürdig. Aber vermutlich hat das seinen Grund.

„Bali hat durch den Widerstand so viel Aufmerksamkeit gewonnen, auch international.“ Für Bram ein Zeichen dafür, wie erfolgreich die Bewegung bisher war. Immer noch ist. Er greift in die Tüte mit den frittierten Bananen. Lautes Schmatzen. Wir haben Platz genommen auf einer Bambusmatte im offenen Aufenthaltsbereich des Musikstudios Antida in Denpasar. Musiker aus aller Welt kommen hier her, um Aufnahmen im Tonstudio zu machen, auf der öffentlichen Bühne im Innenhof des Studios aufzutreten oder durch das Event-Team promotend zu werden. Was den Protest erst so erfolgreich gemacht hat? frage ich. „Die Kunst!“ wie aus der Pistole geschossen. Er erzählt von der zentralen Rolle, die Kunst im Alltag der Balinesen spielt. Ich muss an die Vielfalt traditioneller Handwerkskunst, die anmutigen Tempel und liebevollen Opfergaben denken. „Bali ist die Insel der Kunst! Kunst ist die Sprache der Balinesen.“ Der Protest habe von Anfang viele Künstler angezogen und vereint. In ihrer Kunst seien die Misstände des politischen Systems thematisiert worden. Eine Art künstlerische Übersetzung für zahlreiche Balinesen, denen so ein leichterer Zugang zum politischen Geschehen ermöglicht wurde. In der Kunstindustrie sieht Bram auch Balis Potential und Zukunft. „Bali braucht keinen Wachstum der Tourismusindustrie, Bali braucht Kunst!“ Eine Schwäche der Bewegung sei, dass die die Quantität der Bewegung stark schwanke. „Mal gibt es Demonstrationen mit mehreren Tausend Teilnehmern, dann sind es bloß wieder ein paar Hundert.“ Er legt sich die Haare aus dem Gesicht und ergänzt: „Die Menschen müssen eben neben dem ganzen Demonstrieren auch noch was arbeiten.“ Die Qualität scheint darunter am Ende nicht gelitten zu haben, denke ich.

Nächstes Jahr, 2019, sind Präsidentschaftswahlen. Vom Wahlergebnis hängt die Zukunft der Benoa Bucht ab, da ist sich Bram sicher. Vorausgesetzt, das Thema bleibt auf der politischen und öffentlichen Agenda. „Indonesien ist ein großes Land mit großen Problemen. Da ist es schwer den Fokus auf ein Thema zu legen.“ Bliebe der aktuelle Präsident Jokowi im Amt, stünden die Chancen für die Rettung der Bucht gut. Eine Verlängerung seiner Amtszeit werde allerdings gefährdet durch eine religiös motivierte Hetzkampagne gegen ihn. Während meiner Zeit in Bali erzählen mehrere Leute besorgt von „Propaganda“ gegen Jokowi, vor allem auf Twitter zu finden unter den Hashtags #newpresident2019 und #2019GantiPresident (ganti = indonesisch für verändern). Als moderater Muslim, der die Trennung von Religion und Staat unterstützt, ist er ein Dorn im Auge vieler strenggläubiger Muslime. Die Kampagne wird befeuert durch die zunehmende Islamisierung in Indonesien. Laut aktuellen Untersuchungen ist der Islam in den letzten Jahrzehnten konservativer geworden. Drahtzieher der gezielten Hetze ist der Präsidentschaftskandidat Prabowo Subianto, so glauben viele. Subianto ist der Ex-Ehemann von President Suhartos Tochter und somit Teil des Suharto-Clans, der nach wie vor von einer großen Anhängerschaft lebt. Sollte er die Präsidentschaftswahl gewinnen,  so fürchten viele Balinesen einen Rückfall in alte Korruptionsmuster. 

Apropos Suharto. Ich konfrontiere Bram mit einem Zitat von Superstar Jerinx, Mitglied der Band Superman is Dead und einer der prominentesten Aktivisten der Protestbewegung (Interviewanfragen wurden aus Zeitgründen abgelehnt): „Wenn du aufstehst gegen gierige Investoren oder Faschismus, dann haben sie immer das Militär oder mächtige Figuren hinter sich stehen. Farmer wurden erschossen, weil sie ihr Land beschützten, Studenten wurden gekidnappt nach Protesten gegen gierige Investments. Manche wurden nie gefunden. Manche tot.“ Ich bekomme von Bram nur eine knappe Reaktion hierauf: „Ja, Suhartos Erbe ist noch heute präsent.“

Was von der Bewegung derzeit bleibt, ist das starke Signal an die Politik. Eine  vergleichbare Bewegung hat es in der Vergangenheit in Bali noch nicht gegeben, so Bram. Auch wenn es die Bewegung mit Sicherheit nicht in die Geschichtsbücher schaffen wird. Die Geschichte schreibt am Ende der Staat.

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