Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Auf der Terrasse begrüßte mich eine abgenutzte Couch mit zwei traurig dreinblickenden Kuscheltier-Elefanten. Plastikblumen und Buddhastatuen rundeten das schaurige Bild ab. Schön ist anders. „Hello?“ rief ich zur offenen Terrassentür hinein. „Hello?“. Ich hatte gerade erst eine Odyssee mit dem Bus von der im Zentrum Sri Lankas liegenden Stadt Kandy nach Polonnaruwa, einer Ruinenstadt im Norden hinter mir, mit dem vollen Programm: Einzige Touristin im Bus, kleiner Zusammenstoß mit einem anderen Auto, Stunden langes Warten, hektisches Umteigen in irgendeinen anderen Bus. Jetzt, 140 Kilometer und fünf Stunden später war ich da. Da stand ich also in meinem „Homestay“, Gasthäuser, die in Sri Lanka immer populärer werden, weil sie eine zusätzliche Einkommensquelle für die Menschen darstellen. Eine Art Airbnb mit Frühstück und einem selbstgekochten, traditionellen Abendessen. Ziemlich günstig und eine gute Sache, um Einheimische kennenzulernen. Doch mein erstes Homestay sah leider alles andere als einladend aus.

„Hello, you are here, I am sorry, I went for a small nap“, rief es mir entgegen. Eine kleine, rundliche Frau, die von ihren Gesichtszügen mehr thailändisch als sri lankisch aussah, kam mir entgegen. Sie grinste über beide Ohren. “I’m Nishanthi.” Sie brachte mir einen Begrüßungstee, wir setzten uns auf die Moskito-verseuchte Terrasse. Sie erzählte mir ein wenig von sich und zeigte mir stolz ein Video der sri lankischen Kochsendung „Supreme Chef“, bei der sie mitgemacht hatte, was Teil eines australischen Förderprogramms war. Ich spitzte die Ohren. Die australische Regierung hatte in dem verschlafenen Ort, an den nur eine sehr überschaubare Anzahl an Touristen reiste, Flyer an einheimische Frauen verteilt, um für sie eine neue Perspektive zu schaffen. Die Organisation „Australian Aid“ zahlte den Frauen, die sich meldeten, einen mehrwöchigen Kochkurs in Kandy, sowie die An-und Abreise und die Unterkunft. Außerdem unterstütze die Organisation die Frauen bei ihrer weiteren Karriereplanung. Für Nishanthi war das der Jackpot.

Sie ist alleinstehend, ihre Eltern waren längst tot, sie hat keine Geschwister und auch keine anderen Verwandten. Das Homestay ist ihr einziges Einkommen. Die Kochshow hatte ihr ganz neue Türen geöffnet. Jetzt überlegte sie sogar Kochkurse für Touristen anzubieten. Ich ermutigte sie, das in Angriff zu nehmen und erzählte ihr, dass ich zu Hause auch eine Kochsendung habe, die „Heimathäppchen“ heißt. Ich erklärte ihr, was der Begriff bedeutet und was die Idee dahinter war. Ihre Augen funkelten vor Begeisterung. Wir schauten gegenseitig die Videos des anderen an und konnten mit Grinsen und Lachen gar nicht mehr aufhören. „Why aren’t we doing our own cookingshow and cook something typical Sri Lankan?” kam es mir plötzlich. Heimathäppchen Sri Lanka Style. Nishanthi war begeistert und sprang sofort auf. Erstmal müsse sie die Küche aufräumen. „Oh ja“, dachte ich. Generell war ihr Haus ein einziger Sperrmüllhaufen. Papiere und Zettelchen, die sich auf Tischen stapelten. Sogar der ganze Fußboden stand voll mit Gefäßen, Deko-Kram und Klamotten, dazwischen stand wie selbstverständlich ein Gewehr und noch mehr Nippes. Ein grausamer Ort, aber durch Nishanthis Herzlichkeit irgendwie erträglich.

Ich baute mein Kameraequipment auf. „Wait!“ sagte sie. „Before we start, I need to put some make up on.“ Sie verschwand in ihrem Schlafzimmer und kam mit pinken Lippen und einer geblümten Bluse zurück. „Do you like it?“ Sie konnte einfach nicht aufhören sich zu freuen. Wir gingen in den Hinterhof, in dem sich verrostete Küchengeräte neben noch mehr Sperrmüll stapelte. Dort hatte sie bereits eine Kokosnuss gespalten und zeigte mir die Maschine, mit der sie das Kokosnussfleisch häckseln konnte. Ich drückte auf den Aufnahmeknopf an meinem Smartphone. „Hello, my name is Nishanthi.“ Selbstbewusst lächelte sie in die Kamera. „We are cooking the Coconut-Rotti and nice Sri Lankan Chicken Curry“,  gluckste sie mit ihrem ulkigen sri lankischen Akzent. Sie fing an die Kokosnuss-Maschine zu kurbeln. Immer wieder blickte sie in die Kamera und lächelte.

Schritt für Schritt erklärte sie alles. Sie holte einen schweren Stein-Mörser. „This is the special Sri Lankan blender.“ Da musste sie selber lachen. Kecker Blick in die Kamera. Nächster Schritt. Sie hatte es voll drauf. Ich musste schmunzeln. Wir kochten und drehten eine gute Stunde Videos: Curry kochend von oben, Curry kochend von der Seite, Curry mit noch mehr Kokosmilch. Rotti-Teig von der Seite, Rottis backend von oben… Mein Magen knurrte. Die Rottis (Fladenbrot aus Kokosnussmehl) brauchten ewig, weil sie unbedingt bei kleiner Flamme in der Pfanne ausgebacken werden mussten, wie Nishanti es auch immer wieder „unseren Zuschauern“ erklärte. „Do you have this step too?“ fragte Nishanthi immer wieder. „Yeeheeees“, antwortete ich halb verhungert. Was eine Pefektionistin. Um halb neun deckten wir den Tisch, machten noch ein paar Beauty Shoots, ein abschließendes Video und dann verschlang ich die Rottis gefühlt mit einem Biss. Das Curry war eines der leckersten, das ich jemals gegessen hatte. Den katastrophalen Hygienezustand der Küche konnte ich dabei irgendwie ausblenden. Die Moskitos attackierten ohne Gnade, mein Moskito-Spray ignorierten sie einfach. Wir plauderten und aßen und lachten. „Weißt du was?“ sagte Nishanti als wir beseelt auf unsere leeren Teller schauten, „das war so ein schöner Abend. Es ist so schön, dass Du da bist. Das macht mich wirklich glücklich.“ Ich seufzte. Konnte ich mir doch gut vorstellen, wie einsam sich Nishanti hier in diesem großen, schmutzigen Haus mit den zwei traurigen Kuscheltier-Elefanten fühlen musste. Auch für mich war es ein ganz besonderer Abend, den ich so schnell nicht vergessen werde.

 

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