Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Zufallsbegegnungen sind häufig die besten Gespräche und so ereignet sich mein erstes Interview auch durch Zufall im Restaurant meines Hotels. Ich sitze im 27. Stock des Hochhauses mit einem fantastischen Blick auf die erleuchteten Gebäude der Stadt. Eigentlich will ich nur kurz einen Happen essen und einen Tee trinken, um die Wartezeit zu verkürzen. Dreizehn Stunden Nachtzug von Astana nach Almaty liegen vor mir. „Sie sehen müde aus“, beginnt Madina das Gespräch mit mir. Die Studentin arbeitet im Nebenjob hier als Kellnerin wie ich später erfahren werde. Heute bin ich ihr einziger Gast. „Im Januar ist es ruhig, alle sind noch im Urlaub. Keiner macht Geschäfte“, erklärt sie mir die Leere im Restaurant. Glück für mich, denn so hat Madina viel Zeit sich zu unterhalten. Sie erzählt mir, dass sie Anfang zwanzig ist und Business und Finanzen in der Stadt studiert. Eigentlich kommt sie aus einem kleinen Dorf in Westkasachstan. Ihre Familie sieht sie deshalb nur selten. Eine Zugfahrt dorthin dauert mindestens drei Tage. Aber sie telefoniert täglich mit ihnen. Heute muss sie von 17 Uhr bis zwei Uhr nachts arbeiten. Ich frage, wie sie dann nach Hause kommt nachts alleine und ob das nicht gefährlich sei? Zum Glück gebe es einen Shuttle für die Mitarbeiter. Das würde auch ihren Vater beruhigen. „Wissen Sie: Je älter Väter werden, desto mehr Sorgen machen sie sich um ihre Töchter. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz“, lacht Madina.

Als ich ihr von meinem Vorhaben erzähle, wird sie neugierig. „Das ist ein toller Job. Das, was Sie hier machen, ist viel wichtiger, meinen Beruf können später Roboter ausführen. Aber ich kann halt gut mit Zahlen. Deshalb studiere ich das.“ Ob sie nach dem Studium wirklich in diesem Bereich arbeiten möchte, weiß Madina nicht. Sie erzählt, dass ihre Mutter lange Jeans-Verkäuferin war und nun vor fünf Jahren ein eigenes Geschäft aufgemacht hat. Die Mutter wünscht sich, dass Madina dieses Geschäft übernimmt. „Wissen Sie, ich möchte meiner Mutter helfen, aber nur dieses Geschäft – Das ist mir zu wenig. Vielleicht kann ich das erweitern.“ Madina fühlt sich ihrer Familie sehr verpflichtet, aber eigentlich möchte sie erst einmal die Welt sehen nach dem Studium und verreisen. „In Kasachstan ist es Tradition schon früh zu heiraten und möglichst viele Kinder zu bekommen. Du wirst immer gefragt: Was kannst du für dein Land tun?“, erklärt Madina. Sie findet das nicht so gut. „Ich habe eine Freundin, die ist mit siebzehn zum ersten Mal Mutter geworden. Ihre Eltern sind sehr streng muslimisch. Aber mit siebzehn ist man doch selbst noch ein Baby. Da kann ich mich doch nicht um ein Kind kümmern, wenn ich selbst nicht weiß, wer ich bin“, findet sie. Madina hat sich viele Gedanken über das Thema gemacht und auch über Beziehungen zwischen Männern und Frauen. „Bei uns Zuhause ist es etwas anders: Meine Mutter ist die Starke. Sie hat das Sagen. Mein Vater ist ein sehr, sehr lieber Mann. Fast zu lieb. Aber einer muss das sein in einer Partnerschaft. Sonst funktioniert das nicht“, ist sich Madina sicher. Wenn ich sie so reden höre, bin ich mir sicher – sie kommt nach ihrer Mutter und das gefällt mir. Zum Abschied wünscht sie mir viel Glück für meine Reise und hat eine Bitte: „Zeigen Sie, dass Frauen in Kasachstan nicht nur kleine, stille Mädchen sind, die dem Mann gehorchen. Es gibt so viele andere hier.“

 

Ein schnelles Selfie mit Madina bevor es zum Nachtzug geht.

Im Januar ist niemand da. Als einziger Gast im Restaurant über den Dächern Astanas.

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