Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Was heißt es, unter der unbarmherzigen, tropischen Sonne, eine Stunde Müll am Strand einzusammeln? Was erwartet mich morgens nach der Flut am Strand? Bali wird in der Regenzeit auch „trash season“ genannt. Ich entschließe mich an „Bali’s biggest clean up“ der Organisation Bye Bye Plastic Bags teilzunehmen. Alle Menschen auf Bali sind am 16. Februar aufgerufen, Müll zu sammeln. Egal wo, egal zu welcher Uhrzeit. Seit Wochen machen die Umwelt-Organisationen auf Bali via Social Media Werbung für das Event. Beim letzten clean-up im Jahr 2018 wurden an 120 Orten auf der Insel über 65 Tonnen Plastik gesammelt.

Ich schließe mich einer balinesischen Gruppe an. Start: 8 Uhr. Treffpunkt: ein Strandabschnitt in Canggu. Der Sammelplatz ist kaum zu finden, da sich dort über 100 Schülerinnen und Schüler einer lokalen Schule versammelt haben. Ich spreche den Lehrer an. „Wir sind jetzt fertig. Wir haben um sieben Uhr angefangen. Jetzt gibt es erst mal Frühstück.“ Schnell noch ein Gruppenfoto und los geht’s – jetzt auch bei uns. Meine zuständige Koordinatorin: die zwölfjährige Indonesierin Mika Kamata, die im Gegensatz zu den Erwachsenen gut Englisch spricht. Ich schnappe mir eine Zange und einen Müllsack. Was wir sammeln sollen: Plastik, Metall, Glas. Was nicht: Papier und Holz.

Mikroplastik, eine unsichtbare Gefahr

Lange suchen muss ich nicht – der Sand ist übersäht von unzähligen Plastikresten. Mal ziehe ich eine Plastiktüte aus dem Sand hervor, mal einen Strohhalm. Viel schlimmer aber sind die Plastikreste, die kaum sichtbar sind: sogenanntes Mikroplastik. Überall. Es dauert Minuten, bis ich an einer Stelle alle Reste aufgelesen habe. Die Sonne brennt, die Luftfeuchtigkeit drückt.

Neben mir sammelt Todd Frank aus Kalifornien mit. Er lebt seit sieben Jahren mit seiner Familie auf Bali. Seine Frau organisiert jede Woche einen clean-up. Ich frage ihn, ob sich in den letzten Jahren etwas verändert habe.

Todd: Es ist viel besser geworden, aber es ist immer noch viel zu tun. Das Problem sind vor allem die Müllberge am Straßenrand. Und die Flüsse, wo die Menschen den Müll abladen. Letztendlich landet alles wieder im Ozean und wird an unsere Strände gespült.“
Ein Problem seien auch die Warungs, die Essensstände am Strand: „Die Besitzer lassen Plastikmüll und Essenreste liegen oder verbrennen sie“. Das sei allerdings schon besser geworden.

Ich ziehe weiter und treffe auf eine Gruppe junger Mädchen. Jede von ihnen hat eine Zange in der Hand und klaubt in einem Affenzahn die Plastikreste aus dem Sand. Tatjana, Isabell und Amelie aus der UK sind vor einigen Jahren mit ihren Eltern nach Bali gekommen. Ich frage die drei nach ihrer Motivation und Lösungen.

Tatjana: „Die Menschen im Inland werfen alles in die Flüsse. Warum auch nicht. Dann müssen sie sich nicht mehr mit dem Müll befassen.

Amelie: „Im Supermarkt keine Plastiktüten kaufen und eine eigene Baumwolltasche mitbringen. Und: Nicht alles wegschmeißen! Organischer Müll kann zum Beispiel als Kompost verwenden werden.“

Isabell: „Die Menschen sollten kein „single-use-plastic“ verwenden, sondern nur wiederverwertbare Materialien.“

Als wir uns unterhalten, legt neben uns ein Boot am Strand an. Die Mädchen schauen neugierig nach, ob die Männer Plastik gesammelt haben, aber ihre Ausbeute sind Fische. Ein Fischer kippt sie von einem Eimer in Plastiktüten. Die Mädchen schütteln den Kopf. Ist es nicht widersprüchlich? Wir stehen mit unseren Säcken voll Plastik neben den Fischern, die ihren Fisch in Plastiktüten einwickeln.

Nach zwei Stunden ist mein Müllsack voll. Und ich völlig erschöpft. Ich gebe meine Beute an der Sammelstation ab, wo er später von der Organisation ecoBali Recycling abgeholt wird.

Ohne Social Media geht es nicht!

Es war eine wertvolle Erfahrung, an einem clean-up teilzunehmen. Es hat mir gezeigt, was viele Menschen zusammen erschaffen können, wenn sie an einem Strang ziehen. Was Community bedeutet. Wie es sich anfühlt, Teil davon zu sein. Was es heißt, eine Stunde den Strand zu säubern – körperlich und organisatorisch. Ich bin jetzt noch motivierter als vorher. Mein Wille ist noch stärker, etwas Positives für Bali, die Menschen und die Umwelt zu tun. Nicht nur hier, sondern überall. Im Alltag, im Urlaub. Und: Eine gut funktionierende Community kann nur mit Hilfe Sozialer Medien wie Instagram, Facebook und Co. entstehen, wachsen und Aufmerksamkeit erzeugen.

Neben den positiven Eindrücken war ich allerdings auch geschockt. Über das Ausmaß an Plastik. An Mikroplastik. Und was bedrückend ist: dass der Strand am nächsten Tag wieder so aussieht. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass die clean-up‘s nicht das Problem auf Bali oder weltweit lösen, aber viel dazu beitragen können, ein Umdenken bei den Menschen zu erzeugen.

Last but not least die Ergebnisse des clean-up’s in Zahlen:

  • 13.000 TeilnehmerInnen
  • An über 150 Locations
  • 30 Tonnen Plastik

Zum Vergleich: 2018 waren es noch 65 Tonnen Plastik, die gesammelt worden sind. Ich kann nur mutmaßen – ist die Anzahl an Müll tatsächlich weniger geworden? Lag es eventuell an der Meeresströmung, die große Teile des Plastiks an andere Inseln gespült hat? Fest steht: 30 Tonnen Plastik an einem Tag sind immer noch zu viel!

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