Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

7. März 2019. Ein Tag ohne Internet, ohne Strom, ohne Licht. Ein Tag, an dem niemand das Haus verlassen darf. Ein Tag, an dem niemand auf der Straße ist. Keine Autos, keine Motorroller, keine Menschen. Nur Straßenhunde und Patrouillen, die kontrollieren. Der Flughafen ist gesperrt. Bali ist an diesem Tag von der Welt abgeschnitten.

Die Balinesen feiern Neujahr. „Nyepi day“. Ein Tag der Stille und Ruhe. Alle Balinesen sind tagelang vorher aufgeregt und reden von nichts anderem. Schon zwei Tage vor Nyepi gehen die Feierlichkeiten los. Mit Melasti, Prozessionen, wo tausende weiß-gekleidete Balinesen durch die Straßen ziehen, um Opfergaben an die nächste Wasserstelle zu bringen – ans Meer, an Seen oder an Flüsse. Sie sollen durch die Kraft des Wassergottes Baruna gereingt werden. Die Straßen sind verstopft oder gesperrt. Ich stecke selbst mehrmals stundenlang im Stau fest.

Hunderte Balinesen auf dem Weg zu Wasserstellen

Melasti: Kein Durchkommen

Ich fahre am Tag vor Nyepi nach Ubud, um mir dort die vorabendliche NgerupukZeremonie anzuschauen. Sie ist vergleichbar mit karnvelsähnlichen Umzügen, die in den Hauptstraßen der Dörfer und Städte veranstaltet wird. Jede balinesische Gruppe hat eigene „Ogoh-Ogoh’s“ – riesige selbstgebaute Puppen. Sie symbolisieren die bösen Geister des Dorfes. Sie werden nach der Zeremonie verbrannt, um das Negative aus der Vergangenheit gehen zu lassen und um wieder ein Gleichgewicht zwischen den Göttern, den Menschen und der Natur herzustellen.

Ogoh-Ogoh bedeutet schütteln

Als es anfängt zu dämmern, mache ich mich auf zur Hauptstraße. Hunderte Menschen sind unterwegs. Von Weitem ragen die riesigen Ogoh-Ogoh’s in die Luft. In der Dunkelheit wirken sie gespenstisch. Jede Gruppe wartet, bis sie an der Reihe ist, um dann das riesige Monstrum auf einem Bambusgestell in die Höhe zu hieven. Beim Vor- und Zurücklaufen werden die Puppen hin und her geschüttelt, um sie lebendiger wirken zu lassen. Die Ogoh-Ogoh’s tanzen! Die Zeremonie dauert Stunden. Aber: Bis sechs Uhr morgens müssen alle zuhause sein. Nyepi beginnt.

Zeit für Reflektion

Wie mein Nyepi war? Es hat von morgens bis abends geregnet. Ein Zeichen der Götter, das Vergangene gehen zu lassen? Ansonsten war der Tag nicht so ruhig, wie ich dachte. Viele Touristen im Gästehaus haben den Tag leider nicht ernst genommen, Bier getrunken, Musik gespielt und sich laut unterhalten. Das hat mich aber nicht davon abhalten können, den Tag in Stille zu verbringen.

Für mich kam Nyepi zum richtigen Zeitpunkt: Ich habe mir bewusst Zeit genommen, um die vergangenen sechs Wochen auf Bali zu reflektieren. Meine Recherche. Die wunderbaren Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen. Kleine und große Herausforderungen, die ich meistern musste. Mich in Geduld üben zum Beispiel. Lernen, dass die Balinesen anders ticken. Zulassen, dass alles viel langsamer läuft. Einzusehen, dass Bali ein riesiges Umweltproblem hat. Und dass es Menschen gibt, die dagegen kämpfen.

DANKE Nyepi. DANKE Bali. DANKE Ute. DANKE Heinz-Kühn-Stiftung.

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