Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Wir kommen weit nach 19 Uhr im Dorf an. Es hat letztlich doch 2,5 Stunden gedauert. Der Verkehr war irre, was daran liegt, dass es nur eine Straße gibt und auf der alles fährt, was fahren kann: Autos, Laster (bunt bemalt mit dem Hinweis darauf, dass man hupen und bei Nacht blinken soll, wenn man vorbei will), Motorräder, Rikshas, Karren, Räder – alles!

Begrüßungszeremoniell: Blumenkette, Schal und ein roter Strich auf die Stirn.

Im Dorf ist noch Licht. Eigentlich leben die Menschen hier nach der Sonne: sie stehen sehr früh, meist gegen 4 Uhr, auf und gehen ins Bett, wenn es dunkel wird. Heute nicht. Heute haben sie auf uns gewartet. Zur Begrüßung bekommen wir orangene Tücher und Blumenketten umgehängt, dazu als traditionelles Begrüßungszeichen und Anerkennung einen Strich  in roter Farbe auf die Stirn gemalt. Dann setzen wir uns und es gibt Chai und Gebäck.

Wir sind im Norden, in Punjab. Das ist der Staat der Sikh – eine der vier koexistierenden Religionen Indiens. Die Sikhs sind eine religiöse Minderheit (2 %), stellen aber derzeit den Premierminister, Manmohan Singh, einen sehr beliebten Mann. Sikhs waren früher Krieger und tragen auch deshalb und als Teil ihrer Religion traditionell kleine Dolche mit sich – immer, auch die Frauen. Ihnen wird nachgesagt, sehr geschäftstüchtig zu sein. Frauen wie Männer tragen ihr Haar lang und bedeckt: Männer mit einem Turban, Frauen mit einem Schal.

Die Milch der Büffel sind oft das einzige Einkommen der Bauern auf den Dörfern. Aus Mangel an Weideflächen leben sie mit im Haus.

Die meisten Einwohner des Dorfes Saharan Majra sind arm: manche besitzen auch Land und bauen Reis und Weizen an, andere bestreiten ihr gesamtes Einkommen durch ihre  Büffel und deren Milch.

Das Besondere an den Dörfern in Punjab und Haryana hier im Nordwesten Indiens sind die Milchgenossenschaften. Sie sind Vertriebsgenossenschaft, soziales Netz und Gemeinschaft in einem. Jeder Milchbauer kann hier morgens und abends die von ihm gewonnene Milch abliefern. Sie wird gewogen und ihr Fettgehalt gemessen. Je fetter die Milch, desto mehr Geld bekommt ein Bauer dafür. Dabei spielt es keine Rolle, ob nur ein halber Liter oder 50 Liter abgegeben werden – die Milch wird gesammelt und einmal täglich abgeholt und zur Verarbeitung an die Bezirksmilchunion weitergegeben. Für das Marketing aller Produkte ist die bundesstaatliche  Föderation der Milchproduzenten zuständig. Auf diese Weise stellt die Genossenschaft sicher, dass auch arme Bauern mit nur ein oder zwei Büffeln etwas verdienen können.

Das Milch-Analyse-Gerät kostet etwa 166 Euro und wird zum Teil von der Milch Union finanziert.

Unsere Gastgeber der Milchgenossenschaft von Saharan Majra sind begeistert von unserem Besuch und zeigen uns stolz ihr Messgerät, den 1000 Liter umfassenden Kühlcontainer und wie sie damit die Milch analysieren. Leider können wir heute nicht beobachten, wie die Bauern ihre Milch abliefern. Dazu sind wir einfach zu spät gekommen.

Trotzdem habe ich das Gefühl, das ganze Dorf ist auf den Beinen! Alle kommen aus ihren Löchern gekrochen (und das ist nach deutschen Kriterien teilweise leider wörtlich gemeint) und wollen ein Blick auf uns erhaschen. Journalisten aus dem Ausland, noch dazu eine 1,80m große, blonde Frau – das ist fast ein bisschen viel. Sogar Kinder werden aus dem Schlaf gerissen.

Immer mehr Männer drängen in den Raum, um die Weißen zu sehen.

Dann bekommen wir unsere Geschenke. An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, dass es in Indien ein Sprichwort oder ein Glaubensbekenntnis gibt, auf Sanskrit lautet es folgendermaßen „ATITHI DEBO BHABA“. Wörtlich bedeutet das: „Gäste sind wie Götter und sollen auch so behandelt werden“. Andrzejs Geschenk ist eine Uhr und eine Flasche aus Porzellan, sehr traditionell und Antik. Mein Geschenk ist ein bisschen praktischer und schöner: eine Handtasche.

Ich kann diese Freundlichkeit, diese Gastfreundschaft kaum glauben. Ich wurde erzogen, dass ich für andere tue, was in meiner Macht steht, dass ich mich kümmere, Gäste empfange, für andere da bin. Aber was ich in Indien erlebe ist einfach unglaublich. Diese Leute verdienen so wenig, sie leben mit vielen Angehörigen in kleinen Häusern, in denen auch ihre Büffel untergebracht sind – und trotzdem geben sie so viel.

Dann passiert mir ein Fauxpas: genau wie Andrzej schüttele ich einem der Älteren zum Dank die Hand – ein bisschen unbeholfen, aber es kam so natürlich. Er hat es mir Gott sei Dank nicht übel genommen. Im traditionellen Indien berühren Männer und Frauen sich nicht (zumindest nicht öffentlich und wenn sie fremd sind). Stattdessen lege ich die Hände wie zum Gebet zusammen und nicke – die angebrachte Art, Dank zu sagen. Eine Geste, die ich seither unzählige Male gemacht habe, und vermutlich noch oft tun werde.

Dann besuchen wir die Häuser der Dorfbewohner. Sie sind nicht schüchtern, sondern ganz erpicht, uns zu zeigen, wie sie leben. Und alle wollen fotografiert werden. Und Fotos von uns machen. Mit ihren Handykameras! Telefonieren kostet hier fast nichts, was den mobilen Markt auch für die Dörfer geöffnet hat. Das erleichtert letztlich den Zugang und die Entwicklung.

Eine Wittwe und ihr Sohn: sie hat nach dem Tod ihres Mannes knapp 1670 Euro aus seiner Lebensversicherung ausgezahlt bekommen.

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