Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Die Abzweigung nach Miyani ist von der Hauptstraße aus kaum zu erkennen. Sie sieht eher aus wie eine Art LKW-Parkplatz. Statt den plötzlich entgegenkommenden wagemutig überholenden Autos weicht der Fahrer jetzt Ziegenherden und Schlaglöchern auf der nun staubigen Strecke aus und manövriert das Taxi über teilweise überflutete Brücken. Ein Mann wäscht hier gerade sein Bodaboda – diese Motorradtaxis sind hier die effektivste und oft die einzige Methode, einigermaßen schnell von Dorf zu Dorf zu kommen, wie ich später noch erleben werde. Am Straßenrand halten Menschen kurz inne, sobald sie mich im Auto sehen, und schauen mich erstaunt an. Vor allem die vielen Kinder. Manche rufen aufgeregt ‚Mzungu’. Damit meinen sie mich als weißen Menschen. Wörtlich übersetzt (Quelle: Internet) bedeutet der Begriff sowas wie ‚ziellos Umherirrender’. In vielen Situationen hier in Kenia trifft diese Beschreibung ganz gut auf mich zu, aber heute habe ich sogar ein Ziel.

In der ländlichen Region Miyani, etwa eine Autostunde von Kenias Küstenmetropole Mombasa entfernt, hat die Non-Profit-Organisation ‚Grassroots Economics‘ vor einiger Zeit ein außergewöhnliches Projekt gestartet. Anstatt Spenden in Form von Kenia-Schilling zu verteilen, hat sie in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz und anderen Organisationen kurzerhand eine eigene Währung für die insgesamt etwa 6500 Einwohner, die sich über mehrere kleine Dörfer verteilen, geschaffen. Der ‚Miyani-Pesa‘ besteht aber nicht aus Scheinen oder Münzen, sondern ist nur digital übertragbar und alle Transaktionen werden durch moderne Blockchain-Technologie protokolliert. Eine Art Bitcoin für eine Handvoll Dörfer, in dem die meisten Haushalte keinen Stromanschluss, geschweige denn W-LAN haben? Ich habe Fragen.

Das Haus, in dem ich die nächsten zwei Tage wohne, hat Strom. In meinem Schlafzimmer stehen vier große Autobatterien, die an die Photovoltaikanlage auf dem Dach angeschlossen sind. Eine Toilette hat es nicht. Dafür gibt es draußen hinter dem Haus zwei Plumpsklos und Nasszellen, in denen ich mich mit Regenwasser waschen kann. Drinnen steht noch ein Fernseher und die vermutlich einzige Tiefkühltruhe des Dorfes. Es ist eine Art Gemeinde- und Gästehaus, in und vor dem meist ein Haufen unterschiedlicher Leute abhängen. Und viele Hühner. Immer wieder laufen Frauen und Mädchen vorbei, die riesige Bottiche mit Wasser aus dem nahegelegenen Reservoir auf ihren Köpfen nach Hause schleppen. 

Mein Zuhause in Miyani

Jacob Mwatumbi Chaka lebt in Miyani und ist einer von vier ‚Field Officers‘ im Ort, die den Bewohnern als direkte Ansprechpartner für das Projekt zur Seite stehen und Ideen entwickeln sollen, wie mehr Menschen in Miyani die neue Währung als Zahlungsmittel akzeptieren und nutzen. Denn längst nicht alle hier nutzen den Miyani-Pesa. Auch für mich ist Jacob der erste Ansprechpartner und Übersetzer. In Miyani spricht man Duruma und – wenn überhaupt – nur gebrochen Englisch. Nach einem Mittagessen im Gemeindehaus – es gibt Ziegenfleisch, Okraschoten und Ugali, den allgegenwärtigen Maisbrei – gibt mir Jacob eine kleine Führung durchs Dorf. Wir laufen durch Maisfelder, vorbei an Mangobäumen und Kokospalmen. Überall in Miyani wächst und gedeiht es. Jacob erzählt, dass erst jetzt im Januar die Trockenzeit beginnt. Die nächsten paar Monate wird es nicht mehr regnen und die Landschaft sich verändern. Wasser gibt es in der Regel aber ausreichend. Das Reservoir im Dorf ist groß genug und viele haben während der letzen Monate Regenwasser in großen Tanks gesammelt. Überhaupt scheint der Mangel an Ressourcen hier nicht das Problem zu sein. Aber: Es fließt kein Geld in die Region.

Daraus entstand die Idee für die Einführung des Miyani-Pesa. Er gibt den Menschen die Möglichkeit miteinander zu handeln ohne auf klassisches Geld angewiesen zu sein. „Könnte man dann nicht einfach Waren miteinander tauschen?“, frage ich Jacob. Der lacht: „Das haben unsere Vorfahren gemacht, ja. Aber heute ist das etwas unpraktisch.“ Stimmt. Niemand will seine Ziegen oder Hühner kilometerweit von Dorf zu Dorf schleppen, um irgendwo ein paar Kilo Reis zu kaufen.

Aber warum Blockchain? Und warum digital? Miyani ist nicht die einzige Region mit einer eigenen Währung. Auch in ein paar benachbarten Regionen nutzen den ‚Sarafu‘, wie Grassroots Economics ihr digitales Währungssystem nennt. Sarafu bedeutet Währung auf Kiswahili. Der Clou: Die Menschen aus den unterschiedlichen Währungsgemeinschaften können auch miteinander Handel treiben ohne vorher umzutauschen. Die jeweiligen lokalen Währungen verlieren oder gewinnen an Wert, je nachdem, wieviele Menschen ihn nutzen und ihre Waren in die Nachbargemeinden importieren oder exportieren. Eben wie echte Währungen auch. Wenn ein Bauer aus Miyani also seinen Mais an jemanden in Mienzeni verkauft, steigt der Wert des Miyani-Pesa gegenüber dem des Mienzeni-Pesa. Der Wechselkurs berechnet sich automatisch beim Bezahlvorgang. Blockchain-Technologie sorgt dafür, dass alle Transaktionen nachvollziehbar und transparent bleiben. Außer dieser zugrundeliegenden Technologie hat der Sarafu übrigens recht wenig mit dem Bitcoin gemein. Denn im Gegensatz zu der wahrscheinlich berühmtesten Kryptowährung steht hinter den Sarafu-Einheiten auch immer ein reeller Gegenwert. In Zukunft soll Blockchain-Technologie den Gemeinden oder Gruppen sogar ermöglichen, ihre eigenen Community-Währungen zu erschaffen und neues Geld zu ‚drucken’. So weit, so kompliziert. Verstehen die Menschen hier, was da passiert? So gut wie niemand hat hier eine höhere Schulbildung, geschweige denn ein abgeschlossenes VWL-Studium. Ich jedenfalls blicke kaum durch, und wenn ich meine, etwas begriffen zu haben, tauchen neue Fragen auf. Will Ruddick, der Gründer von Grassroots Economics, den ich einige Tage zuvor in seinem Büro in dem Küstenort Kilifi getroffen hatte, sagte mir, es sei nicht entscheidend, dass jeder versteht, wie das System funktioniert. Aber der Wert des Sarafu ist Dank Blockchain zumindest theoretisch zu jeder Zeit genau nachvollziehbar. Was aber steckt hinter einem US-Dollar oder einem Kenia-Schilling? Welche einzelnen Faktoren beeinflussen, ob ihr Wert steigt oder fällt. Wieviele Dollar sind überhaupt im Umlauf? Das wisse kein Mensch so genau. Die Menschen in Miyani können dagegen selbst beeinflussen, wieviel ihre Währung wert ist. Beim Kenia-Schillling können sie das nicht.

Jacob führt mich zu einer Hütte in einem Maisfeld, die von einem hübschen und gepflegten kleinen Garten umgeben ist. Eine Frau sitzt auf einem Hocker und löst kleine Bohnen aus ihren Schoten und lässt sie in einen großen gelben Eimer fallen. „Das Frühstück für morgen“, erklärt sie. Karua Bora hat einen Mann und fünf Kinder, obwohl sie noch nicht besonders alt zu sein scheint. Entsprechend viele Schoten liegen vor ihr. Die ganze Zeit hält sie beim Erbsenpulen ein Handy in der rechten Hand. „Falls mein Mann anruft“, sagt sie. Über das Handy laufen aber auch alle Sarafu-Geschäfte, ähnlich wie bei M-Pesa, dem populären Bezahldienst des Mobilfunk-Konzerns Safaricom. Nur eben nicht über Kenia-Schilling und ohne, dass wie bei M-Pesa Transaktionsgebühren anfallen, die der Konzern einsteckt. Nicht jeder in Miyani hat ein Handy, oft teilt sich eine Familie eines. Andere haben nur eine SIM-Karte, die sie wie eine Kreditkarte mit sich herumtragen. Wenn es ans Bezahlen geht, borgen sie sich kurz ein Handy und setzen die Karte für die Transaktion ein.

Karua Bora ist eine der Nutzerinnen der Sarafu-Währung in Miyani.

Morgens verkauft Karua Samosas, die fast überall als Snack angebotenen gefüllten Teigtaschen. Als Bezahlung akzeptiert sie Sarafu. Ob es für sie einen Unterschied macht, ob die Kunden in Sarafu oder Kenia-Schilling bezahlen, frage ich. „Kein Unterschied. Für mich ist es dasselbe.“ Diese Antwort höre ich später noch öfter im Dorf. Niemand will hier schlecht über den Sarafu reden. Möglicherweise auch deshalb, weil mit ihm auch jede Menge Spenden nach Miyani gekommen sind, zum Beispiel die große elektrische Maismühle im Haus gegenüber meines Domizils. Hier kann jeder seinen Mais zu Mehl für Ugali mahlen lassen – und mit Sarafu bezahlen. Außerdem erhält jeder, der sich registriert, 400 Sarafu als Startguthaben. Es besteht sogar die Möglichkeit, sich – mit ein paar Hürden – Sarafu wieder in Kenia-Schilling auszahlen zu lassen. Dank der Spendengelder, die dahinterstecken. Alles gibt es für Sarafu eben noch nicht zu kaufen, zum Beispiel den Sprit, den die Bodaboda-Fahrer außerhalb der ‚Sarafu-Zone‘ tanken.

Mit dem Sarafu ist auch die Maismühle inklusive Mahlservice nach Miyani gekommen.

Am Abend zeigt mir Jacob die kleine Strohhütte, in der er neben seinem Job als Field Officer für Grassroots Economics ein Café im Ort betreibt. Außerdem hält er Kühe und arbeitet als Fischer. Hier spielen ein paar Jungs Draughts, eine hier beliebte Variante des Dame-Spiels, auf selbstbemalten Brettern mit den Schraubverschlüssen von Wasserflaschen. Blauen und weißen. Einige üben für das für morgen geplante Turnier, das Jacob und Will sich als Promo-Aktion für den Sarafu ausgedacht haben. Der Gewinner erhält 5000 Sarafu, immerhin ein Gegenwert von etwa 50 Euro, auch wenn man das nicht so genau sagen kann. Geld ist schließlich nur das wert, was man dafür auch tatsächlich bekommt. Zumindest das habe ich inzwischen gelernt. Was er mit so viel Sarafu anstellen würde, frage ich den schätzungsweise 15-jährigen Charles, der mich gerade in wenigen Zügen ausgeschaltet hat. „Ich würde Reis kaufen.“, lautet seine Antwort. „Dafür bekommst du aber eine Menge Reis.“, erwidere ich. „Ja, stimmt.“, bestätigt Charles.

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