Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

An den Hängen wachsen junge Olivenbäume. Am Straßenrand sprießen knallrote und royalblaue Mohnblumen. Und Mandelbäume mit ihren hellrosa Blüten wechseln sich auf den Straßen mit hochgewachsenen Palmen ab. Wenn nicht gerade ein Auto oder Bus vorbeifährt, hört man hier nur die Vögel zwitschern. Hier, das ist in Kdumim, einer israelischen Siedlung im Westjordanland, rund 20 Kilometer westlich von Nablus. Kdumim wurde 1975 gegründet, heute leben hier gut 4000 israelische Siedler. Wenn man durch die bestens ausgebauten und sauberen Straßen des grünen Ortes fährt, erblickt man schöne Parks, Spielplätze, Schulen, Kindergärten. Die Kinder spielen hier noch auf der Straße. Kdumim könnte eine Oase mitten im Westjordanland sein – für viele ist sie das auch. Aber sie ist auch ein ziemlich großes Hindernis im Friedensprozess zwischen Israel und Palästina.

Illegale Siedlungen

In Israel und dem Westjordanland leben insgesamt gut 700.000 jüdische Siedler. Wobei die Juden nicht von Westjordanland sprechen, sondern von Judäa und Samaria – die biblischen Begriffe für das von Gott geschenkte heilige Land ihrer Vorväter, das sie heute wieder besiedeln wollen. Das Problem: Die Siedlungen entstehen auf palästinensischem Gebiet. Vom Internationalen Gerichtshof und den Vereinten Nationen werden die israelischen Siedlungen als völkerrechtlich illegal eingestuft – die israelische Regierung unter Benjamin Netanyahu sieht das nicht so und baut die Siedlungen weiter aus. 

Parks und Picknick-Bänke finden sich in Kdumim an vielen Orten

Als ich vor fünf Jahren das erste Mal durchs Westjordanland gefahren bin und auf den Hügeln die Siedlungen mit ihren roten Häuserdächern sah, umgeben von mehr oder weniger kargem Land und palästinensischen Dörfern, habe ich mich gefragt, wer hier freiwillig leben will. Was treibt jüdische Siedler an, sich in abgeschottete Wohnkomplexe zu begeben, umringt von palästinensischen Dörfern, in denen der Hass auf die Siedler zum Teil so groß ist, dass israelische Autos regelmäßig mit schweren Steinen beworfen werden? Und wieso müssen sich die Siedler ausgerechnet Gebiete im Westjordanland aussuchen, die den Palästinensern zustehen? Ich wollte schon damals die jüdische Siedlerbewegung zumindest versuchen zu verstehen. Deshalb bin ich nach Kdumim gefahren, um mit Siedlern zu sprechen.

In Kdumim treffe ich Chani und ihren Mann Jakov. Die beiden leben seit drei Jahren mit ihren drei Kindern in Kdumim. Sie wohnen in einem schönen kleinen Haus, haben fünf Zimmer, eine Terrasse und einen Balkon. Chani trägt Kopftuch, Jakuv Kippa und Schläfenlocken. Die Familie ist religiös – aber nach Kdumim sind sie aus einem anderen Grund gekommen – und der ist ziemlich praktisch-rationaler Natur: Geld. In Kdumim sind die Mietpreise deutlich niedriger als in Tel Aviv oder Jerusalem. Außerdem mögen Chani und Jakov die Natur – und von der sind sie in Kdumim überall umgeben. Religion spielte bei ihrer Entscheidung also keine große Rolle – auch wenn Jakov betont: „Ich glaube aber, dass man ein Herz für diesen Ort haben muss“. Und Chani ergänzt: „Die Kosten allein sind kein ausreichender Grund, um hierher zu ziehen.“

Kdumim

Trotz der ganzen Annehmlichkeiten, die Kdumim für die Familie bietet, merkt man nämlich spätestens wenn einem der Geruch von Tränengas in die Nase steigt, dass die blühende Oase auch ein Ort des Konfliktes ist. Jeden Freitag demonstrieren Palästinenser im Nachbardorf Kadum nämlich gegen die Siedlung. Dann rückt die Armee an, um die Demonstranten zurückzudrängen. Kadum ist ein kleiner Ort, der in direkter Nachbarschaft zu Kdumim liegt. Und weil die israelische Siedlung in den vergangenen Jahren immer größer geworden ist und die Spannungen zwischen beiden Orten immer größer wurden, ist eine zentrale Straße von Kadum nach Nablus – die durch Kedumim führt – seit Jahren für die Palästinenser gesperrt. Während sie von Kadum nach Nablus auf direktem Weg durch Kedumim vielleicht 20 Minuten mit dem Auto bräuchten, müssen sie durch die Sperrung einen Umweg von mehr als einer Stunde nehmen. 

Direkt neben Kdumim liegt Kadum – jedes Wochenende gibt es kleinere Demonstrationen gegen die israelische Siedlung

Ob sie Verständnis für die Proteste haben, frage ich Chani und Jakov. Ja, sagen beide, das haben sie. Dass sie einfach nur in Frieden leben wollen, dass hier doch genügend Platz für alle sei, betont Jakov. Und Gleichzeit sagt er: „Aber was passiert, wenn wir sie durch Kdumim fahren lassen? Wer sagt, dass sie uns dann nicht angreifen und Terroristen nach Kdumim kommen?“

Viele neue Fragen

Das Gespräch mit Chani und Jakov ist spannend, verwirrend, und aufwühlend. Die beiden sind ruhige, sympathische Menschen. Chani bezeichnet sich selbst als „Gypsie“, als ein bisschen boho. Sie gibt Bauchtanz-Kurse und hilft Frauen, zuhause zu entbinden. Jakov arbeitet als Gärtner in der Umgebung – häufig zusammen mit palästinensischen Arbeitern. Die beiden sind nicht politisch – und das ist vielleicht auch der Grund dafür, dass sie in ihren Antworten oft ein wenig naiv wirken. Israelis und Palästinenser sollten die gleichen Rechte haben, sagt Jakov. Wer keinen Frieden wolle, solle einfach gehen – egal ob Jude oder Araber. Und sie sagen auch: „Wir denken definitiv nicht, dass wir irgendetwas falsch machen durch die Tatsache, dass wir hier leben.“ Die beiden scheinen nicht zu verstehen, dass die Siedlungspolitik der israelischen Regierung seit Jahrzehnten den Friedensprozess mit den Palästinensern behindert. Dass es provoziert, wenn israelische Siedlungen inmitten des Westjordanlands gebaut werden. Dass Palästinenser vertrieben wurden. Dass die Siedlungen gegen internationales Völkerrecht verstoßen. Sie haben keine Antwort auf die Frage, wie ein Friedensplan aussehen könnte. Die beiden wollen mit ihrer Familie ein naturverbundenes, schönes, komfortables Leben. Und das kann ihnen niemand verdenken. Nur den Preis, den auch andere dafür zahlen müssen – der ist ihnen nicht wirklich bewusst.

Chani und Jakov sind die ersten Siedler, die ich auf meiner Recherchereise getroffen habe. Aus dem Gespräch haben sich viele weitere Fragen ergeben – auf die ich im Laufe der nächsten Wochen Antworten zu finden hoffe. Und ich werde auch nach Kadum fahren – dem Ort, der durch Kedumim von Nablus abgeschnitten wurde. Und sicherlich werde ich auch dort Menschen treffen, die sagen: Wir wollen einfach nur ein friedliches und schönes Leben haben.

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