Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Man kann sagen, dass ich Glück hatte – als ich vor knapp drei Wochen nach Israel eingereist bin, konnte noch niemand ahnen, welche drastischen Maßnahmen die Regierung ergreifen würde, um den Ausbruch des neuartigen Corona-Virus zu stoppen. Viele internationale Fluggäste trugen Atemmasken – aber ansonsten war Corona hier noch kein Thema. Das hat sich diese Woche geändert. Wäre ich wenige Tage später ins Land eingereist, hätte ich zwei Wochen in Quarantäne gemusst. Seit Freitag werden Reisende aus Deutschland nicht mehr ins Land gelassen – so wie aus zahlreichen anderen Ländern auch. Die Regierung erwägt, das Einreiseverbot auf ganz Europa und die USA auszuweiten. Ich kann also froh sein, dass ich „drin bin“ und mich frei bewegen kann. Doch meine Arbeit ist seit Freitag ziemlich eingeschränkt.

Go home!

Israel hat (Stand 7. März) 21 bestätigte Coronafälle, in der West Bank sind es noch einmal 16 – und zwar in Bethlehem. Am Donnerstag ist die Stadt komplett abgeriegelt worden. Alle Kirchen und Moscheen wurden nachmittags geschlossen, die Hotels und Hostels für Touristen dicht gemacht. Ausländer wurden auf dem Markt beschimpft: „Go home to the USA, to Germany…. Corona!“, erzählten mir zwei deutsche Bekannte. Wird man als Tourist hierzulande in der Regel mit den offensten Armen empfangen, ist es in Zeiten von Corona ein Grund für die Menschen, die Straßenseite zu wechseln, wenn man europäisch aussieht.

Betlehem gleicht jetzt einer Geisterstadt (Archivbild)

Bethlehem ist jetzt jedenfalls abgeriegelt. Ein Bekannter schrieb mir gestern: „It’s a ghost town now.“ Für meine Recherche sind die Entwicklungen eine ziemlich Herausforderung. Die Regierungen in Israel und Palästina haben einen 30-tägigen Ausnahmezustand über die West Bank verhängt. Touristen kommen nicht mehr rein, die Checkpoints sind zum Teil zu. Wie lange das anhalten und wie drastisch die Maßnahmen in den jeweiligen Städten sein werden? Bleibt abzuwarten. Einige meiner Termine und Interviews wurden bereits abgesagt, ich bin aktuell in Israel „gefangen“. Was eher schwierig ist, wenn man zum Nahostkonflikt recherchiert. 

Namaste

Auf jeden Fall ist es bemerkenswert zu sehen, wie Israel auf die Krise reagiert. Ich hatte schon vermutet, dass die Maßnahmen besonders hart sein würden, wenn das Virus das Land wirklich erreicht. Trotzdem ist es krass zu sehen, wie sehr die Menschen auch hierzulande in Panik verfallen. Man hört überall „Corona“, „Corona“. Das Land, das eine der stärksten Armeen der Welt hat, das sich von Terror nicht einschüchtern lässt, in dem viele Menschen nicht an Morgen denken, sondern einfach im Moment leben und das Leben genießen. In diesem Land sorgt eine neues Virus dafür, dass das Leben in weiten Teilen still steht. Dass einem harte Strafen drohen, wenn man trotz Quarantäne-Vorschrift das Haus verlässt. Dass Nachbarn oder Familienangehörige einen bei der Regierung melden können, wenn sie mitkriegen, dass man die Quarantäne verletzt.

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat vor ein paar Tagen empfohlen, keine Hände mehr zu schütteln und Körperkontakt zu vermeiden. Stattdessen solle man sich ein Beispiel an den Indern nehmen und die Hände zum Gruß zusammenlegen: Namaste.

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