Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„So schlimm ist das ja alles nicht!“ Das denke ich zunächst, als ich heute morgen Dharavi betrete, den offiziell größten Slum Asiens. Die Straße, auf die wir von einer kleinen verrostete Brücke nahe der Mahim Junction blicken, sieht aus wie viele andere in Mumbai: voll, runtergekommen mit vielen vielen Läden. Ja, die Gebäude sind teilweise aus zusammengeschweißten Blechteilen, aber eben auch aus Stein. Von der Brücke aus verschaffen wir uns einen ersten Eindruck: Unweit von uns ragt ein großer Tempel aus dem Meer aus Wellblechdächern heraus, weiter im Osten sind heruntergekommene Hochhäuser. Dann kann es ja los gehen.

Dharavi ist ein legaler Slum. Das bedeutet, dass der Boden, auf dem die Menschen leben, der Regierung gehört, aber ihre Häuser gehören den Leuten selbst. Die Regierung lässt die Leute da wohnen, versorgt sie mit Strom und Wasser und dafür müssen sie bezahlen. Offiziell leben etwa 1.000.000 Menschen in Dharavi. Ich schreiben die Million aus, damit die Zahl greifbarer wird. Schätzungen zufolge leben dort aber noch mehr Menschen. Das alles erfahren wir von unserem Guide, einem jungen Inder, der für eine Organisation Führungen in Dharavi gibt. Er selbst wohnt allerdings nicht im Slum.

Die Einwohner kommen aus Maharashdra, dem Bundesstaat, der Mumbai umgibt, aus Südindien und aus dem Norden (je zu einem Drittel). Dort verdienen die Leute oft nur 40-50 Rupien (weniger als ein Euro) am Tag, hier können sie das Doppelte oder sogar Fünffache davon machen. Denn wer sich Dharavi als dreckiges Loch vorstellt, wo die Leute in ihrem Elend verrotten, der irrt sich: Der Slum boomt. Fast 900 Millionen Euro Umsatz macht Dharavi jedes Jahr mit seinen Läden, Werkstätten, Töpfereien, Bäckereien, Ledermanufakturen und mit Plastik-Recycling.

Ein Junge in einer der engen Gassen.

Das ist auch der Beginn unserer Tour: wir kommen ins Plastik-Viertel. Hier liegen die großen Müllsäcke Stapelweise herum, mit denen wir sonst kleine Jungs, aber auch ganze Familien durch die Straßen ziehen sehen. Es ist ein gefährlicher Job und er bringt auch nicht viel ein. Trotzdem hat es etwas Gutes, wenn wenigstens Teile des Drecks eingesammelt werden, der sich überall in Mumbai findet. Einer der Kinderstars aus Slumdog Millionaire, Azharuddin Mohammed Ismail (er spielt den Bruder in der jüngsten Generation), lebt bis heute in einem Slum in Mumbai und sammelt mit seiner Familie altes Plastik (mit 18 bekommt er seine Gage, die derzeit in einem Fond angelegt ist). In engen Räumen sitzen hier Arbeiter und sortieren das Plastik aus den Säcken nach Farbe. In dieser Gasse sieht es jetzt schon eher so aus, wie ich mir einen Slum vorgestellt habe….

Als nächster Produktionsschritt wird das Plastik in einer langen Maschine zerkleinert, bis die einzelnen Stücke nur noch wenige Zentimeter groß sind. Dann kommen sie in die Wäscherei, wo sie in großen Fässern vom Dreck befreit und zum Trocknen aufs Wellblechdach gelegt werden. Wir besuchen so eine Werkstatt und steigen über die Säcke zwei schmale Leitern hoch aufs Dach. Es ist brütend heiß. Unser Guide erklärt uns, dass die Arbeiter auch in der Werkstatt schlafen. Sie können sich keinen Wohnraum leisten. Heute ist das Dach leer, die Arbeit ruht bis wir wieder weg sind.

Ein Arbeiter im "Lager" auf dem Wellblechdach.

Von hier oben haben wir einen beeindruckenden Blick über die Dächer von Dharavi. Nebenan lüftet ein Arbeiter die zum Trocknen ausgelegten Plastikfetzen, indem er barfuß darin herumläuft. Ein paar Dächer weiter hängt rot gefärbtes Tuch zum trocknen. Überall lagern alte Kanister, Computerteile, Wannen – Plastik, das bald noch verarbeitet wird. Vorm Runterfallen bewahrt uns (neben gesundem Menschenverstand, einfach nicht so nah an den Rand zu gehen) nur ein dünnes Geländer, das aussieht, als würde es jederzeit abfallen. Unserem Guide macht das nichts, er lehnt sich einfach an. Er erzählt uns, dass die großen Zerkleinerungsmaschinen von Leuten im Slum entwickelt wurden, nicht etwa von Ingenieuren. Die Entwürfe seien inzwischen sogar in andere Slums exportiert worden.Nach dem Waschen wird das Plastik eingeschmolzen und später zu kleinen Pallets verarbeitet. Diese werden dann verkauft. Leider wusste der Guide nicht, welchen Anteil die Recycling-Branche am Umsatz des Slums hat.

Wir dringen weiter in die Tiefen Dharavis ein. Es wird enger und dreckiger. Am Gassenrand sitzt ein junger Mann in Unterhose. Er wäscht sich grade mit einem Eimer Wasser den Schaum vom Körper. Duschen gibt es hier offensichtlich nicht. Nebenan hängt eine Frau Wäsche auf, andere arbeiten irgendwas. Und überall sind Kinder. Von oben bis unten schmutzig, aber herzallerliebst. Einige kucken nur schüchtern hinter Vorhängen hervor, andere sagen „Hi“ und freuen sich wie blöde, wenn wir zurück grüßen, und die ganz Mutigen schütteln uns die Hände. Ich will sie am Liebsten alle mitnehmen, diese kleinen Mädchen mit dem kurzen schwarzen Haar und den riesigen Augen.

Wir schauen uns dann eine Werkstatt an, in der alte Farbeimer gereinigt und mit neuen Logos versehen werden. In der Scheune nebenan werden alte Ölkanister ausgewaschen, damit sie wiederverwendet werden können. „Reduce, reuse, recylce“ singt Jack Johnson aus seinem Lullaby-Album. Ist es komisch, dass ich daran denken muss?

Links von uns ist Wasser, ein Kanal. Doch auch er steht fast vor Dreck und riecht auch entsprechend. Unser Guide macht einen Witz, dass wir von hier mit dem Boot in den Norden kommen. Für kein Geld der Welt würde ich auch nur einen Schritt näher kommen.

Dann überqueren wir eine Straße und betreten die „Residential Area“. Wir biegen in eine Gasse ein und kommen direkt an einer Bäckerei vorbei, die halb Mumbai mit süßen Teilchen versorgt und an einer Seifen-Werkstatt. Allerdings sieht die Seife aus wie gepresster Dung… Links nimmt gerade ein Mann eine Ziege aus und wirft die Innereien arglos in einen Sack. Zwei kleine Jungs schleifen diesen dann über den Boden weg und hinterlassen dabei eine Blutspur. Gut, dass wir noch nicht gefrühstückt haben.

Einmal im Jahr werden die Ziegen im Slum geschlachtet. Dann haben die Kinder auch wieder Lämmer zum spielen. Bis zum nächsten Jahr...

Jetzt wird es abenteuerlich: enger und enger werden die Gassen, ich komme nur gebückt voran. Tageslicht gibt es hier nicht, aber ständig kommen uns Menschen entgegen. Der Boden ist glitschig und ich bete nur, dass ich nicht ausrutsche. Die dünnen Rinnen am Gassenrand fangen alles auf, was aus den Einraumwohnungen geworfen wird. Meist sind die Eingänge nur von einem Tuch bedeckt, hinter dem wir Frauen putzen oder kochen sehen. Alles passiert im Sitzen, es gibt kaum Möbel. Ich fühle mich wie ein Voyeur, vermutlich bin ich das in dem Moment auch.

Dann, Licht. Wir kommen auf einen offenen Platz, der Müll liegt Meterhoch, dazwischen spielen Kinder. „Eigentlich soll die Stadt einmal in der Woche den Müll abholen, aber meist kommen sie nur einmal im Monat“, erklärt unser Guide. Daneben eine der öffentlichen Toilettenanlagen, die die Menschen im Slum benutzen, wenn sie nicht einfach in den großen Müllberg machen. Aus eine Toilette kommen 1600 Menschen hier in Dharavi, sie öffentlichen Anlagen werden von 70 Prozent genutzt.

Weiter geht es durch breitere Gasse und über kleine Plätze , wo Frauen auf dem Boden sitzen und Wäsche waschen. Wir sind ständig umringt von einer kleinen Schar Kinder, die in brüchigem Englisch wissen wollen, aus „which country“ wir kommen und „which name“ wir haben. Die Schule hat heute geschlossen, da ein Feiertag ist, keine Ahnung, welcher jetzt schon wieder.

Auch Pappe wird in Dharavi verarbeitet. Und überall sind Kinder!

Und plötzlich ist der Gestank da. Wir biegen um eine Ecke und da liegen bergeweise Ziegen- und Kuhfelle in Salz, schön übereinander gestapelt. Daneben abgeschnittene Schwänze. Wieder bin ich froh, dass mein Magen leer ist. Wir gehen schnell weiter. Unser Guide erklärt, dass Gerben in Mumbai verboten ist. Die Felle werden dazu nach Chennai gebracht.

Links ein Altar. Darauf sind Götterbilder der Hindus, des Islam und Jesus Christus abgebildet. Jeder kann hier seiner Religion frönen, erklärt der Guide. Das liege an der ungeheuren Gemeinschaft hier im Slum. Das glaube ich ihm sofort. Indien ist als sehr tolerantes Land bekannt und wer so zusammenlebt, der hält auch zusammen. Er fährt fort: Es gebe keine Verbrechen in Dharavi, weswegen auch nie die Polizei gerufen werden muss. Das glaube ich ihm nicht. Die machen das bestimmt nur unter sich aus.

Weiter vorne in der Straße ist Lärm. Einige Männer machen mit Kindern Musik auf Trommeln und was man so dazu umfunktionieren kann. Dazu singen sie und klatschen und tanzen und winken uns, natürlich. Dahinter ein paar Frauen, alle auffallend gelb im Gesicht. Bevor wir recht kucken können, taucht eine ältere Frau ihre Hände in einen Eimer Farbe und will auch uns anmalen. Unser Guide kann sie nicht davon abhalten. Und wir wollen ihr nicht den Spaß verderben. Das sei ein Brauch aus Südindien, erklärt der Guide. Ein paar Schritte weiter waschen wir die Farbe allerdings wieder ab.

Letzte Station: die Töpfereien. Der Ton wir in riesigen Kulen hergestellt und ist sehr dunkelbraun. Vor dem Brennen wird deshalb Farbe zugefügt, damit der rötliche Farbton entsteht, den jeder kennt. Hier werden Schalen, Vasen, Tassen, Schüsseln und Blumenkübel hergestellt, die dann ein paar Häuser weiter verkauft werden, aber auch an große Geschäfte außerhalb des Slums geliefert werden.

Ich versuche herauszufinden, ob die Menschen hier im Slum versichert sind. Offensichtlich werden sie von der Regierung unterstützt, müssen auch Steuern und Strom bezahlen. Der Guide verneint. Vielleicht die Reicheren, sagt er. Meine Recherchepartnerweichen bisher immer aus, wenn ich das Thema Slum aufbringe. So schwer es ist, die Bevölkerung auf dem Land zu erreichen, Mikroversicherungen im Slum zu vertreiben, das sollte doch machbar sein. An dieser Frint gibt es also noch einiges harauszufinden.

Wir sind am Ende unserer Tour. Da Schule und Kindergarten heute geschlossen sind, fällt sie ein bisschen kurz aus. Es waren dennoch viele Eindrücke, viele Gerüche, die haften geblieben sind. Alleine würde ich mich nicht hierhin trauen, da ich mich im Labyrinth der Gassen in wenigen Minuten hoffnungslos verlaufen hätte. Wir waren mit Reality Tours & Travel dort, einer Organisation, die die Erlöse der Touren in einem Community Center anlegt und dort zum Beispiel Computerkurse gibt.

Wir durften/sollten während der Tour keine Fotos machen. Diese hier habe ich von der Webseite unseres Veranstalters. Ich verstehe das. Ich will ja auch nicht, dass man mir ins Wohnzimmer fotografiert.

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