Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Vier Tage lang war Reena Kumari Mahara verschwunden. Mit leiser Stimme erzählt die Zwölfjährige, wie der Bruder ihrer Schwägerin versprochen hatte, sie zum Einkaufen mit in die Stadt zu nehmen. Sie hatte ihm geglaubt – und landete in einem Zug nach Indien. Er hatte sie verkauft.


Reenas Schwägerin hielt es offenbar für eine gute Idee, durch den Verkauf des Mädchens Geld zu verdienen anstatt für eine spätere Heirat und die entsprechende Mitgift Geld ausgeben zu müssen. Ihrem Mann, Reenas Bruder, sagte sie nichts davon. Der begann schließlich auch, seine kleine Schwester zu suchen – und fand sie nach vier Tagen kurz hinter der indischen Grenze auf dem Weg nach Delhi. Als was sie dort arbeiten sollte, ob als Haushaltshilfe oder als Prostituierte, weiß niemand. Über das, was in den vier Tagen passiert ist, spricht die Zwölfjährige nicht.

Für den Heiratsmarkt war sie aber offenbar verbrannt. Der funktioniert nach strengen Regeln: Mädchen dürfen nicht zu gebildet sein, das treibt den Preis der Mitgift nach oben. Sie müssen einen untadeligen Ruf haben, allein mit einem Jungen auf der Straße zu sprechen, könnte sie für immer als Mädchen mit „schlechtem Charakter“ brandmarken. Möglicherweise führten solche Überlegungen dazu, dass Reenas Odyssee nach der Rückkehr in ihr Heimatdorf noch nicht vorbei war.

Die Dorfgemeinschaft hatte beschlossen, das Mädchen solle verheiratet werden – und zwar mit dem mehr als dreimal so alten Bruder ihrer Schwägerin, der sie zuvor verkauft hatte. Gegen diese Verbindung sprach sich allerdings auch Reenas Mutter offen aus – und zog den Zorn der Dorfgemeinschaft auf sich, die sowohl Mutter als auch Tochter verprügelten.

Seither lebt Reena in dem Frauenhaus in Janakpur. Mitarbeiter einer lokalen NGO versuchen, durch Gespräche mit den Dorfbewohnern und der Familie eine Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen. Dass das gelingt, ist nicht sehr wahrscheinlich.

Mehr über die Recherche in Nepal gibt es hier…

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