Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

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Nach einigen zugleich erholsamen wie stressigen Tagen in Delhi (erholsam weil nur als Touri, stressig weil nur als Touri), mache ich mich auf den Weg nach Orissa, dem ärmsten Bundesland Indiens.

Ich habe mir eine Kette mit einem Ganesh-Anhänger gekauft. Ganesh ist einer der beliebtesten Götter Indiens und einer der Hauptgötter. Ich habe ihn wegen seiner Funktion als Beschützer ausgewählt. Ich gehe einfach davon aus, dass Ganesh mich auf meinem Trip beschützt.

Das scheint auch direkt zu klappen: mein Flug (dieses Mal mit der Fluglinie Indigo) wird auf den Bildschirmen als pünktlich angezeigt, wir beginnen rechtzeitig mit dem Boarding und starten nur 10 Minuten verspätet. Ich habe inzwischen raus, wie ich den Emergency Seat bekomme und genieße einen ruhigen Flug – der sogar 10 Minuten zu früh in Bhubaneswar landet. Ich kann es kaum glauben.

Sumitra, die Projektleiterin der Micro Insurance Academy (MIA), will mich am Flughafen abholen. Ich schau fragend in jedes Auto, bis irgendwann eine kleine, zierliche Frau auf mich zu kommt und mich begrüßt. Das ist also Sumitra. Stilecht indisch ist sie mit Roller und ihrem Schwager samt Motorrad gekommen. Meine Tasche und die beiden Beamer, die ich für MIA mitgenommen habe, werden irgendwie im Fußraum ihres Scooters verstaut, ich soll mich hinter den Schwager auf Motorrad setzen. Kurze Frage, ob ich schon mal Motorrad gefahren sei (Danke, Bobbs!) und es geht los. Natürlich ohne Helm und Körperkontakt. Aber klappt – hier fährt ja niemand schnell.

Den Rest des Tages verbringe ich bei Sumitras Familie. Sie hat 3 Schwestern und einen Bruder, die zweitjüngste Schwester hat gerade geheiratet – ein Mega-Event mit 1300 Gästen. „Schade“, sagt die jüngste Schwester, „dass du nicht eine Woche vorher gekommen bist!“ Ja, wirklich schade. Hätten ja mal was sagen können! Stattdessen zeigen sie mir Fotos von der Hochzeit und bewundern mein Mandi, das Henna, das ich mir am Vortag auf den linken Arm habe malen lassen.

Ich sitze im Schlafzimmer der Familie rum, lese meinen Reiseführer und irgendwann mein Buch. Ab und zu kommen Verwandte und stellen mir fragen. Wir essen stilecht in der Küche auf dem Boden und mit den Händen zu Mittag (Reis! Mit den Händen. Roti kann ich inzwischen sogar einhändig, aber Reis ist neu!). Dann soll ich schlafen. Ok, ich bin ja heute nicht Herrin über mich selbst. Also schlafe ich. Dann weckt Sumitra mich und wir machen einen Spaziergang zu ihrer Tante und ihrem Onkel, nette Menschen. „Leute in Orissa sind einfach“, warnt der Onkel mich.

Nach einem einfachen Abendessen (ja, ich esse hier nur. Als ob ich gemästet werden müsste!) bestehend aus Roti und Dal (Linsen), sowie MEGA scharfen Bratkartoffeln, machen wir uns endlich auf den Weg. Ich wieder aufs Motorrad hinten drauf, dieses Mal mit meiner Umhängetasche und meiner Reisetasche auf den Schultern.

Unser Bus heißt „Blue Eyes“ und ist ein Sleeper. Das heißt, dass über den Sitzplätzen links und rechts noch einige knapp 6 Fuß lange Schlafliegen angebracht sind. Danke dafür. Ich hätte die 12-Stündige Fahrt über die schlimmsten Straßen der Welt sonst bestimmt nicht überlebt. Auch so befinde ich mich in einer Art Wachkoma: immer wieder schlafe ich ein paar Minuten, dann muss ich mich umdrehen, alles wackelt. Nur meine Anti-Schlecht-Pillen bewahren mich vor der Magenentleerung. Wäre auch peinlich gewesen.

Dann sind wir da, gegen halb 8 morgens. Jetzt geht es im Jeep weiter. Nochmal knapp 2 Sunden für die 60km. Die indischen Autofahrer sind wirklich die besten der Welt, ich kann es nur wiederholen. Auf den Straßen! Bei dem Verkehr! Obwohl das jetzt kein Problem war. Eher die Tatsache, dass die Fahrbahn nur eine Spur breit ist und links und rechts davon die Erde ausgewaschen ist. Hier lohnen sich SUVs wirklich mal! Dann die Schlaglöcher. Und die Tierherden. Und die Unmengen Menschen auf Fahrrädern und Motorrädern. Das meiste, was ich bisher gezählt habe, waren 5 Menschen auf einem Motorrad. Die Frauen sitzen dabei im Damensitz hinterm Mann, da sie mit den Saris gar keinen Bewegungsspielraum haben!

Unser Ziel erreichen wir trotzdem. Es heißt M. Rampur.

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