Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Die Micro Insurance Academy hat kein eigenes Büro in Orissa. Sie ist nur Dienstleisterin für lokale Organisationen. In Kalhandi arbeiten sie mit der Mahashakti Foundation zusammen, die viel Mirco Finance machen. Mahashakti arbeitet ausschließlich mit Frauen. Aus dem Micro Finance Institute (MFI) hat sich die Frauen-Koperative „Bijayinee“ („Sieg“) entwickelt, die bis vor Kurzem hauptsächlich Sparpläne für die Frauen in der Region erstellt haben.  Seit einem Jahr bieten sie auch eine Krankenversicherungen unter dem Namen „Niramaya“ an, was in etwa „frei von Krankheiten“ heißt..

Wer denkt „Das klingt kompliziert“, sollte hier aufhören zu lesen (NEIN!).

Indien, sagt man, hat von seinen britischen Okkupatoren die Bürokratie übernommen, aber von den Portugiesen das Chaos. Was dabei rauskommt ist die schlimmste Misswirtschaft, die man sich vorstellen kann: Tausende Regeln, Formalien, Listen, Hierarchien, Kopien, Ordner, Organisationen, Suborganisationen, Subsuborganisationen, die den Prozess ENORM verlangsamen. Aber dazu später mehr.

Ich besuche erst mal das Field Office von Bijayinee und Niramaya in M. Rampur. Wir starten mit der obligatorischen Blumenkette und einem Chai. Dann besuche ich die Mahashakti Foundation und spreche mit deren Chef, Jugal Kishore Pattnayak.

Wir steigen direkt brisant ein. Ich frage ihn, ob es auch in seinem Bezirk Selbstmorde von Bauern, die ihre Raten nicht zurückzahlen können, gegeben habe. Er verneint das (natürlich). Aber er erklärt mir, dass das Problem die Flut an MFIs ist, die einfach Kredite parallel ausgeben. „Wir haben neun Mal so viele Kredite wie Haushalte“, so Pattnayak. „Das bedeutet, dass umgerechnet auf jeden Haushalt bis zu neun Kredite kommen.“ Die Leute würden einfach einen neuen Kredit aufnehmen, um den alten abzubezahlen.

Wir kommen zum Thema Mikrovesicherungen. Pattnayak erklärt, dass Versicherungen für ihn zum Service von MFIs dazu gehören und dass Mahashakti deshalb das Projekt der MIA unterstützt. „Kalahandi ist die ärmste Region der Welt“, so Pattnayak. Mehr als 60 Prozent der Menschen hier leben unterhalb der Armutsgrenze, die laut UN-Bestimmungen bei 22.000 Rupien, also 1 Dollar Einkommen pro Tag, liegt. Mahashakti wolle deshalb helfen, ein soziales Sicherungsnetz aufzubauen. Denn 50 bis 60 Prozent ihres Geldes geben die Leute hier für Gesundheit aus. Allerdings gebe es derzeit in ganz Indien kein Gesundheitsprodukt, dass arme Menschen anspricht: die mehr als 20 Versicherer in Indien verlangen normalerweise mindestens 2000 Rupien im Jahr von ihren Kunden. Das sei für die Bevölkerung von Kalahandi utopisch.

Das Schöne an der Niramaya-Versicherung ist für ihn, dass sie von den Menschen im Ort mit entwickelt wurde: die Höhe der Prämie, der Umfang der Auszahlungen/Rückerstattungen, welche Leistungen abgedeckt werden, all das hat ein Team von MIA in Gesprächskreisen mit den Menschen vor Ort entwickelt.

In der Pilotphase, die im Februar 2010 begonnen hat und die demnächst endet, wurden zunächst 1000 Menschen für 100 Rupien im Jahr versichert (das sind etwa 1,75 Euro). Bijayinee hat durch die Versicherungen neue  Mitglieder gewonnen: derzeit hat die Kooperative 1397 Mitglieder aus 365 Haushalten. Damit die Versicherung sich rechnet, sollte sich diese Zahl in den kommenden 2 bis 3 Jahren verzehnfachen. Ein ehrgeiziger Plan: „Aber wir schaffen das. Wir müssen das schaffen“, so Pattnayak. Er habe Vertrauen in den Plan. Muss er aber auch: derzeit tragen Mahashakti und die MIA das finanzielle Risiko.

In einem Land, in dem Frauen nur die zweite Geige spielen, stellt sich natürlich die Frage, warum eine solche finanzielle und gesundheitliche Grundlage ausgerechnet von ihnen bestritten wird. Warum unterstützt Mahashakti eigentlich gerade Frauen? Eben darum!

Etwa 60 Prozent der Männer in Kalhandi können lesen, aber nur 29 Prozent der Frauen. Die Schulabbrecherquote für Frauen ist ungleich höher als für Männer. Aber: die Frau nimmt am ökonomischen und sozialen Leben teil, da sie 80 Prozent der Hausarbeit und Kindererziehung leisten (laut einer Umfrage von Mahashakti in den Dörfern). Die Idee ist deshalb, dass die Frauen, wenn gefördert, eigenes Geld verdienen und damit eine höhere Stellung im Haushalt einnehmen. „Und das hat funktioniert“, so der Chief Exekutive. In Kalahndi herrsche inzwischen fast schon ein Matriarchat, aber auf jeden Fall von Frauen gelenkte Familien. Zudem sind über 40 Prozent der Bewohner Angehörige von sechs Hauptstämmen, die sowieso von Frauen gelenkt werden.

In Kalahandi leben etwa 130.000 Menschen in 7000 Haushalten. Mahashakti arbeitet in 4 Blöcken von Kalahandi, Niramaya wird ab sofort in 52 Dörfern angeboten.

Was sind die Hauptprobleme in der Region? Die Gegend ist unterentwickelt und etwa 500 bis 600 Kilometer von der Landeshauptstadt von Orissa, Bhubaneswar, entfernt. Angefangen von der mangelnden Infrastruktur, über Wasser- und Hygieneprobleme, führt das Problem zu Orissas korrupten Politikern, die beide Augen vor den Problemen verschließen. „Die Politik hat Geld“, so Pattnayak, „aber die Politiker verstehen die Probleme hier vor Ort nicht, oder wollen sie nicht verstehen, weil nie darüber gesprochen wird.“

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