Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Einmal im Monat tagt der Vorstand von Bijayinee, der auch gleichzeitig das Claim-Komitee von Niramaya  ist. Hier werden dann die Rückerstattungsforderungen (Claims) der Versicherten besprochen und die Frauen entscheiden darüber, wer wie viel Geld von Niramaya bekommt.

Anfangs sind die Frauen schüchtern, reden nicht viel. Meine Anwesenheit ist ungewohnt und macht sie nervös. Zwei Frauen verstecken sich hinter dem Stoff ihres Saris, den sie – wie in der Region üblich – um die Köpfe geschlungen haben, um ihr Haar zu bedecken.

Alle 3 Jahren wählen die Mitglieder neun Frauen in einen Vorstand, die letzte Wahl war 2009. Bis zu 15 Kilometer Anfahrt nehmen sie in Kauf, um am 6. des Monats in Rampur Rat zu halten. Heute sind nur 6 Frauen gekommen, aber es ist auch eine außerordentliche Sitzung. Für ihr Engagement bekommen die Frauen 100 Rupien im Monat extra (1,75 Euro). Heute werden drei Claims besprochen.

Im ersten Fall war die Schwiegertochter der Versicherten 8 Tage lang im Krankenhaus im 60 Kilometer entfernten Bhawanipatna. Alleine die Transportkosten beliefen sich dabei auf 1000 Rupien. Insgesamt fordert die Versicherungsnehmerin einen Betrag von 2642 Rupien ein (44 Euro). Um das zu bezahlen, musste die Frau sich Geld bei Bekannten borgen.

Niramaya bezahlt maximal 3500 Rupien (58 Euro) pro Krankheitsfall aus, plus 200 Rupien für Transportkosten. In diesem Fall hat der Computer berechnet, dass die Versicherte 1842 Rupien (31 Euro) bekommen soll.

Die Niramaya-Mitarbeiter stellen den Fall vor. Die Vorstandsmitglieder hören zu, dann werden die Unterlagen rumgereicht. Offensichtlich können einige der Frauen nicht lesen, und geben die Papiere direkt weiter. Dann diskutieren sie. Da die Versicherte  nicht alle gewünschten Unterlagen einbringen konnte (die Bettnummer im Krankenhaus fehlt, sowie der Arztstempel auf dem Entlassungsschein), sind sich die Frauen nicht sicher, ob sie überhaupt etwas bezahlen wollen. Die Niramaya-Mitarbeiter schreiten ein. Sie waren im Dorf und haben Nachbarn und Verwandte befragt, ob die Frau wirklich im Krankenhaus war und halten den Fall für glaubwürdig. Letztlich fällt die Entscheidung positiv aus: die Betroffene soll in den kommenden Tagen 1842 Rupien zurückbezahlt bekommen.

In fast jedem Fall fehlen Informationen und Dokumente. Meist sind die Krankenhäuser so überlaufen und überfordert, dass sie kein Interesse daran haben, Unterlagen auszustellen. Die Kranken fragen oft auch erst danach, wenn sie schon entlassen wurden. Dann weigern sich die Einrichtungen, nochmal Zeit zu investieren, um alles fertig zu machen. Bijayinee und auch Leute von der MIA haben bereits mehrfach versucht, dieses bürokratische Problem zu lösen. „Aber leider kann man da nichts machen“, erklärt Dillip Ku Sephi, Field Investigator der MIA. Er ist seit eineinhalb Jahren in Kalahandi und dienst vor Ort als Ansprechpartner und hilft bei der Implementierung der Projektes. Er grinst permanent, wenn er mir etwas erklärt und zuckt mit den Schulter, als ob man doch nichts machen könnte. Das macht mich rasend: all die Bürokratie, all die Vorschriften, und nichts passiert. Er lächelt entschuldigend: „Meist sind statt der 5 bis 6 offiziell angestellten Ärzte nur 2 überhaupt vor Ort. Und wenn dann einer davon noch ein Alkoholproblem hat, dann wird es für den anderen stressig.“ Offensichtlich ist Alkoholimus ein häufiges Problem unter den Ärzten vor Ort. Mir dämmert langsam, dass es ganz schön schwierig ist, so ein Projekt hier aufzubauen. Trotzdem stört mich seine non-chalante Einstellung „kann man ja doch nix machen, ist halt Indien“.

Auf der Ratssitzung geht es nun lebhafter zu. Die Frauen kichern, die Armreifen klimpern, es wird geschäftig. Ein Mitarbeiter stellt die nächsten beiden Fälle vor: der Sohn einer Versicherungsnehmerin war in einem anderen Bundestaat 4 Tage wegen Malaria im Krankenhaus. Sie hat insgesamt 15.000 Rupien (250 Euro) ausgegeben, hat aber nur wenige Rechnungen und fordert daher eine Rückerstattung von 1216 Rupien (21 Euro). Die Versicherte hat schon Mal Geld von Niramaya bekommen, weil sie selbst an Malaria erkrankt war. Da 8 Mitglieder in ihrem Haushalt leben, hat sie eine Prämie von 800 Rupien bezahlt. Der Rat tagt schnell und bewilligt die Forderung.

Auch im dritten Fall war der Sohn einer Versicherten 4 Tage lang wegen Malaria im Krankenhaus. Sie fordert 3922 Rupien (65 Euro) ein. Allerdings fehlen die Entlassungspapiere. Der Arzt hat offenbar Geld dafür verlangt, die Beklagte wollte nicht bezahlen. Sie hat aber alle anderen Papiere und der Rat bewilligt eine Rückerstattung von 2692 Rupien (45 Euro). Hier besonders schön für die Beklagte: sie hat den Claim erst am Vortag eingereicht, soll das Geld aber schon am kommenden Tag bekommen.

Ich spreche noch ein bisschen mit den Ratsmitgliedern und frage sie zunächst, ob sie selbst versichert sind. Die Frauen kichern. Nein, nur 2 der 6 Anwesenden sind bei Niramaya versichert. Ich verstehe die Welt nicht: sie sehen jeden Monat, dass Geld ausbezahlt wird und dass die Versicherung sich lohnt, nehmen aber selbst nicht teil? Kein Wunder, dass die Leute skeptisch sind.

Doch dann stellt sich heraus, dass die Frauen oft aus Dörfern kommen, die am Projekt (noch) nicht teilnehmen. Nur eine Frau gibt offen zu: „Ich war in den letzten Jahren nicht krank. Letztes Jahr ist meine Familie dann so schlimm erkrankt, dass wir 26.000 Rupien (433 Euro) dafür ausgeben mussten. Ich denke einfach nicht, dass es uns so schnell nochmal trifft.“ Außerdem hab sie anfangs gedacht, dass es nur um private und nicht um staatliche Krankenhäuser geht.

Ich bemerke einmal wieder, dass hier noch viel Aufklärungsarbeit nötig ist.

Ein Vorstandsmitglied erklärt: „Ich glaube aber, dass wir alle von der Versicherung profitieren können. Wir sitzen alle im selben Boot und wenn einer profitiert, dann ist das gut für alle.“ Sie hofft, dass ihr Dorf bald an das Projekt angeschlossen wird.

Über eins herrscht im Rat dennoch Konsens: das Projekt wird Erfolg haben. Chaxabali Dungri: „Bisher hatten wir keine Möglichkeit, mit Krankheiten finanziell umzugehen und sind deshalb skeptisch. Aber ich denke, dass die Leute irgendwann verstehen, dass das Programm gut ist.“ Bimala Suna: „Anfangs haben die Leute Niramaya nicht vertraut, aber das Vertrauen wird mit jedem ausbezahlen Claim größer. Bisher mussten sich die Leute verschulden und Hypotheken auf ihre Häuser aufnehmen, um die Rechnungen bezahlen zu können. Aber jetzt bekommen sie den Großteil des Geldes wieder.“

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