Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Etwa 400.000 Einwohner leben im Einzugsgebiet der laotischen Hauptstadt Vientiane am Mekong. Verglichen mit den großen Metropolen der Welt ist Vientiane also eine ruhige Kleinstadt. Aber genau das macht den gemütlichen Reiz der Hauptstadt aus. Zwar geht es hier auch mal laut und trubelig zu, aber niemand ist gestresst oder in Hektik. Lao PDR – ist die offizielle Bezeichnung des kommunistischen Staates. Böse Zungen behaupten, die Abkürzung stehe für „Please Don´t Rush“ – bloß keine Eile.

Die Stadt ist eine skurrile Mischung aus schicken Neubauten, Bruchbuden, improvisierten Baustellen und Müllkippen und alle paar hundert Meter steht dann mitten in diesem wuselnden Chaos ein Wat, also ein buddhistischer Tempel, in dessen Schatten dutzende orange gewandete Mönche sitzen.

Überall wird gebaut: An der Mekong-Promenade, am Morning Market, an neuen Hotels und Gästehäusern. Das schwäbische ´“schaffe schaffe, Häusle baue“ ist hier allerdings nicht anzutreffen: Auf der Baustelle neben meinem Hotel sehe ich immer nur einen einsamen Arbeiter. Und der sitzt auch verdammt oft in seinem roten Liegestuhl unter dem abenteuerlich zusammen gezimmerten Gerüst und grinst mich an. Es geht also langsam voran, aber es wird.

Schneller voran geht es hingegen auf den Straßen. Vierspurig ist die breiteste, die Lane Xang Avenue, benannt nach dem ersten laotischen Königreich. Die Hauptstraßen im Zentrum sind alle asphaltiert und meistens voll: Große Geländewagen, überladene Busse, bunte Tuk-Tuks, knatternde Mopeds und Fußgänger teilen sich die Straßen. Und generell gilt die Macht des Stärkeren. Für Fußgänger wie mich heißt das: Lücken im Gewusel abwarten und losflitzen.

Fußgängerampeln gibt es an den großen Kreuzungen auch. Sie sind aber grundsätzlich rot. Auch wenn die Autofahrer ebenfalls rot haben – die Fußgängerampeln ändern sich nicht. Für Fußgänger heißt das: Tief Luft holen und dann hoch erhobenen Hauptes mutig loslaufen. In der Hoffnung, dass man nicht übersehen wird.

Meist ist das auch kein Problem. Nur zur Rush-Hour wird´s eng. Die beginnt um kurz nach Feierabend. Und der beginnt für die meisten Laoten um Punkt 16 Uhr. Dann werden auch die Fontänen und Brunnen auf den großen Boulevards angestellt.

Tagsüber laufen sie aus Kostengründen wohl nicht, aber wenn am Spätnachmittag viel los ist, will man doch zeigen, wie schön man es hier hat. Dann stehen auch Verkehrspolizisten an den wichtigsten Straßenecken und regeln den Verkehr mit Trillerpfeife und Handzeichen. Dort sind die Chancen die Straßenseite zu wechseln am größten.

Die Franzosen – hier ehemals die Kolonialmacht – haben der Stadt zum 450. Geburtstag im vergangenen Jahr neue Straßenschilder geschenkt. Auf Lao und Französisch ist dort jetzt der jeweilige Straßenname zu lesen. Aber auch nur im Zentrum, und nur auf den Hauptstraßen. Sucht man was bestimmtes, muss man sich eben durchfragen. Die Laoten orientieren sich ohnehin meist nicht an Straßennamen, sondern an den Stadtteilen – ban genannt.

In der Hauptstadt sind die Laoten die vielen Farangs, Ausländer mittlerweile gewohnt. Die Stadt liegt etwa in der Mitte des langgezogenen Landes und durch den internationalen Flughafen kommen fast alle Traveller und Backpacker hier irgendwann auf ihrer Reise mal vorbei. Außerdem haben sämtliche NGOs ihren Hauptsitz hier.

Entsprechend groß ist auch das Angebot an Gästehäusern, Hotels, Restaurants und Internet-Cafés. Vor knapp 20 Jahren hat sich das Land langsam für den Tourismus geöffnet. Seit dem steigen die Besucherzahlen stetig. Die Laoten haben sich auf Gäste eingestellt und begrüßen sie überall freundlich und zurückhaltend. Der nette Rezeptionist in meinem Hotel müht sich redlich mir jeden Tag ein neues laotisches Wort beizubringen. Er war bis vor zwei Jahren selbst Mönch, ist dementsprechend strenger Buddhist und hofft offenbar an mir täglich eine gute Tat zu vollbringen. So kann ich neben den üblichen Phrasen zur Begrüßung (Sabai Dii) und Verabschiedung (laakon) jetzt zum Beispiel auch schon meine Zimmernummer (sii sung saam – 403) aufsagen.

In einem Minimarket habe ich sogar ein Glas Nutella im Regal gefunden. 220 Gramm für stolze 65000 Kip – also 6,50 Euro. Aber für den Notfall ist alles verfügbar. Ebenso wie die Packung Ferrero Rocher für 6 Euro, M&Ms für 3,40 Euro, oder die günstigste Alternative: eine Tafel Ritter Sport Schokolade für 2,20 Euro. Hygiene-Artikel wie Zahnpasta oder Duschgel sind, verglichen mit Deutschland, ebenfalls relativ teuer.

Dafür ist das traditionelle laotische Essen sehr günstig. Ich habe abends immer umgerechnet zwischen 4 und 8 Euro ausgegeben, inklusive Getränke. Nur wenn einen die Lust auf etwas Westliches packt, muss man tiefer in die Tasche greifen. Pizza kann man hier auch bekommen. Die günstigste liegt dann so bei cirka 5 Euro.

Noch komme ich allerdings auch ohne klar. Gestern habe ich mich zum ersten Mal weg von den Restaurants an eine Straßengarküche gewagt. Es gab eine Art Fondue mit Hühnchen und Kräutern. Es sah schon wild aus. Überall liegen die toten Tiere auf den Tischen, der Kopf meist noch dran (zu Identifikationszwecken?). Und das Wort Kühlkette ist nicht existent in diesem Land. Ich muss gestehen, dass ich mein klebriges Besteck heimlich unter dem Plastiktisch – hier ist fast alles aus Plastik – desinfiziert habe. Das Essen war dann aber wirklich sehr sehr lecker. Und mir ist danach auch nicht schlecht geworden. Weder vom Essen, noch vom Sagrotan.

Also kann ich morgen wieder Vientiane unsicher machen.

Archive