Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Outh David Phabmixay sitzt auf der Terrasse seiner Eco-Lodge etwa 80 Kilometer nördlich von Vientiane am Nam Lik Fluss. Er trägt Freizeitlook: weites Hawaii-Hemd statt Anzug, schließlich ist Wochenende und er zum Entspannen hier. Endlich. Denn der Weg zur Lodge ist alles andere als entspannt: 2 Stunden mit dem Pickup über die Nationalstraße 13, die asiatische Panamericana. Dann querfeldein über einen holperigen Feldweg und schließlich noch mal 15 Minuten mit dem Roller auf einem schmalen Sandpfad. Die letzten Meter sind nur zu Fuß zurückzulegen – hinein in den Dschungel.

Dort hat Outh David Phabmixay sein Glück gefunden und seine innere Ruhe „schließlich bin ich Buddhist“ lacht er und blickt ins Grüne und auf den Fluss. Das ganze Gelände gehört ihm. 86 Hektar Dschungel, vor 4 Jahren gekauft, samt Feldwegen Flora, Fauna und einem eigenen See. Outh David Phabmixay bezeichnet sich selbst als Naturalisten. Die Übersetzung Umweltaktivist würde es wohl besser treffen. Und das macht in ihn Laos zu einer raren Spezies.

Lange schlummerte das Land hinter dem Bambus-Vorhang ohne größere Umwelteinflüsse.

„In den vergangenen 20 Jahren holen wir jetzt in großen Schritten auf, was an Entwicklung in Europa 200 Jahre gedauert hat. Da machen wir natürlich auch eine Menge Fehler, das ist ganz normal“ sagt Phabmixay. Er macht niemandem Vorwürfe. Es bringe nichts, immer anderen die Schuld zu geben, die Regierung anzuklagen. „Jeder muss selbst Verantwortung übernehmen!“ das ist sein Credo, ein sehr buddhistisches.

Mit seiner Eco-Lodge will er ein kleines Fleckchen Grün erhalten, erzählt er. Ein Stückchen Erde in dem die Natur sich erholen kann, ohne dass Bäume abgeholzt oder brandgerodet würden für neue Ackerflächen. Ohne dass die Tiere Angst haben müssten, gejagt zu werden. Hinter Phabmixay in dem Raum stapeln sich Fallen, die er bei seinen Rundgängen konfisziert hat: Fallen für Vögel, Frösche, Affen, Leguane – kunstvolles Flechtwerk aus Bambus und Schnur für eben alles, was auf dem laotischen Markt einen Abnehmer findet. Und das ist eine ganze Menge.

Im Gegensatz zu seinen Büchern: Mit einem französischen Verlag zusammen gibt er regelmäßig Bücher zur Artenvielfalt heraus. Im kommenden Monat erscheint eines über Reptilien. Allein drei komplett unbekannte neue Arten habe er hier in der Region gefunden. Tiere, von deren Existenz man bislang offiziell nichts wusste. Darauf ist Phabmixay stolz. Und darauf, dass das Buch überhaupt gedruckt wird. Die Zielgruppe ist winzig, das ist ihm auch klar. Trotzdem arbeitet er schon am nächsten: Die Artenvielfalt der Libelle in Laos. Sicherlich auch kein Verkaufsschlager.

Allein davon, und von den Übernachtungen auf der Lodge, kann Phabmixay nicht leben. Muss er aber auch nicht. Outh David Phabmixay ist in der richtigen Familie geboren. Er gehört zu der Generation Laoten, die hier wie Helden gefeiert werden. In Ermangelung von berühmten Musikern, Schauspielern oder Sportlern sind sie die Celebrities der Nation.

Sie alle eint ihre Geschichte: In den Wirren der Revolution Anfang bis Mitte der 70er Jahre haben sie mit ihren Familien das Land verlassen. Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich nahm sie gerne auf. Dort haben sie ihren westlichen Zweitnamen bekommen und eine exzellente Ausbildung genossen: Mehrere Sprachen, Studium, sie verkehrten in den besseren Kreisen der Gesellschaft. Bis Anfang der 90er Jahre. Dann öffnete sich das kleine kommunistische Laos langsam dem Westen – und forderte die Exilanten zur Rückkehr auf: „Das Land braucht Euch!“ Und so gingen sie zurück nach Hause. Manche freiwillig wie Outh Phabmixay, manche auf Drängen der Patriarchen.

Der wohl bekannteste dieser „Retter-Generation“ ist Sinouk Eric Sisombat, der Kaffee-Mogul. Der Mann, der in hellgrauem Maßanzug und mit gut sitzendem Haar vor der International Womens Group einen Vortrag über Kaffee in Laos hält und über seine Visionen spricht. Er scherzt in drei Sprachen, ist charmant und asiatisch höflich und sorgt dafür, dass die anwesenden Botschaftergattinnen, NGO-Expertinnen und Gruppenmitglieder in kollektive Verzückung geraten – obwohl Sinouk schon stark auf die 60 zugeht. Er hat eine starke Ausstrahlung. Und das weiß er auch. Gerade führt er Gespräche mit der deutschen Entwicklungshilfe: Ab 2012 soll organisch angebauter Fair-Trade Kaffee aus Laos auch in Deutschland im Regal stehen.

Neben Sinouk gibt es noch viele andere charismatische Köpfe wie Ousavanh Thiengthepvongsa, Mitte 40, Leiter des laotischen Unternehmerverbandes. Seit 13 Jahren ist er zurück und arbeitet seit dem im Verband und als Parlamentarier an der Öffnung des Landes mit. Ebenso wie Outh David Phabmixay, der als zweites Standbein neben den Eco-Lodges ausländische Firmen bei der Ansiedelung in Laos berät. Auf seinem französischen Universitätsabschlusszeugnis steht Bauingenieur. Bauingenieure gibt es in Europa genug, zuckt er die Schultern. Aber sein Land brauchte ihn. In Vientiane ist er jetzt Berater. „Nicht auf technischer, sondern auf rechtlicher Seite“ lacht er: „Das System ist manchmal nicht ganz einfach zu durchschauen.“

Sie alle gehören den großen starken Familien des Landes an – die alten Unternehmer Indochinas. Und wenn man sich die Geschichten anhört, beschleicht einen der Verdacht, dass es auch nach wie vor diese Familien sind, die die Geschicke des Landes steuern – und nicht die Partei, die Minister eher als Marionetten einsetzt, denn als Lenker.

Immerhin, wenn Outh David Phabmixay etwas in Richtung Naturschutz lenken kann, ist das nicht das Schlechteste für Laos. „Tropfen für Tropfen“ erklärt er sein System. Er versuche jeden Tag aufs Neue einen Tropfen zu produzieren. Und er versuche jeden Tag, andere damit anzustecken. Bis aus den vielen Tropfen irgendwann ein großer Fluss wird.

So wie der Nam Lik, der auf seinem Weg in den Mekong vor dem Balkon vorbei rauscht. Dort wo Outh David Phabmixay seinen Blick über das Tal schweifen lässt, ragen ein paar Felsen aus dem Wasser. Immer mal wieder kommen Touristen in Kayaks vorbeigefahren. Einige Touranbieter organisieren Abenteuertrips auf dem Fluss. Die Paddler juchzen, wenn sie die Stromschnellen passieren.

Etwa 100 Kilometer oberhalb der Lodge gibt es im Nam Lik schon einen Damm, zur Stromversorgung der Region. Die Auswirkungen sind unübersehbar: Jeden Abend zwischen 17 und 21 Uhr, wenn der Strombedarf am größten ist lassen die Betreiber das Wasser durch die Turbinen rauschen. Der Flusspegel am Unterlauf steigt deutlich und schwemmt die Uferböschung mit sich. Etwa 5 Meter schätzt Phabmixay sind so verloren gegangen.

Jetzt laufen die Planungen für einen zweiten Damm, mit dem Boot nur 10 Minuten flussaufwärts. Doch Outh Phabmixay bleibt ob der Bedrohung seines Paradieses erstaunlich gelassen: „Wichtig ist, was wir unseren Kindern übergeben, was wir noch von dieser Erde übrig lassen für die nächste Generation. Aber wir müssen eben auch überleben, um überhaupt etwas hinterlassen zu können“ ist sein eher salomonisch denn buddhistisches Urteil. „Die Wasserkraft ist nun mal da. Und es ist eine saubere Energie. Wer sollte sie verdammen? In Europa gibt es Atomkraft. Schau nach Tschernobyl. Da ist ein Damm das kleinere Übel im Vergleich.“

Outh David Phabmixay glaubt an den Fortschritt. „Ich glaube an die Weiterentwicklung der Menschheit. Wir wissen heute schon viel mehr, als unsere Eltern von 50 Jahren. Und unsere Kinder werden in 50 Jahren mehr wissen als wir, und unsere Enkel noch mehr….“ philosophiert er.

Ob aber alle in der Lage sind, ihr Wissen auch verantwortungsvoll einzusetzen will ich von ihm wissen. Buddha in allen Ehren, aber ob er da nicht zu sehr auf das Gute im Menschen setze? Korruption ist ein weitverbreitetes Thema in Laos. „Man muss wissen, wann Schluss ist. Und das ist das Problem!“ gibt Phabmixay zu. „Es gibt keinen Stopp-Mechanismus. Soweit ist der Kapitalismus auch hier schon vorgedrungen.“ Outh David Phabmixay kämpft trotzdem keinen großen Kampf gegen das System. Er kämpft einen kleinen Kampf für den Erhalt der Natur seiner Heimat. Und er will damit anstecken.
Jeden Tag, Tropfen für Tropfen.

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