Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Letztes Jahr Anfang Dezember berichtete der Spiegel über Elektroschrott in Ghana. Die Süddeutsche Zeitung schon ein Jahr früher, im Herbst 2008. Der weltweit anfallende Elektronikmüll wird auf Müllkippen in Ghana, Indien, Indonesien oder China einfach abgeladen. Ein Großteil des Elektromülls landet illegal auf Müllkippen wie der in Accra in Ghana, denn offiziell wird in der EU nichts weggeschmissen, nur recycelt. Demzufolge werden nur wertvolle Rohstoffe exportiert, und kein giftiger Schrott, der krank macht.


Wertvolle Rohstoffe? Moment, damit kann man doch Geld verdienen und gleichzeitig Gutes tun, dachte sich Issah Nikabs. Der 64-jährige pensionierte Chemieingenieur will gemeinsam mit seinem deutschen Partner den Elektroschrott fachgerecht sortieren und – man halte sich fest – nach Deutschland exportieren. Die Globalisierung macht’s mal wieder möglich.

Doch von vorne. Der Ist – Zustand ist grauenhaft und so betitelte Michael Bitala seinen Artikel nicht zu Unrecht: „Im Höllenfeuer der Hightechwelt“. Auf Accras größter Müllkippe, im Volksmund Sodom und Gomorrha genannt, arbeiten größtenteils Kinder und Jugendliche. Sie bearbeiten den Müll aus dem 21. Jahrhundert mit Steinzeitmethoden und benutzen, Meißel, Steine und Feuer, um Kupfer oder Zink aus den alten Geräten herauszuschlagen oder -brennen. Für ein Kilo Zink bekommen sie fast einen Euro, dieselbe Menge Kupfer ist 3 Euro wert.

Die verdreckten Jugendlichen verbrennen die alten Kupferkabel, um direkt an das wertvolle Metall zu gelangen, dabei ersparen sie sich langwierige Fummelarbeit, um die Plastikummantelung vom Kupfer zu lösen. Damit es schneller geht, nutzen die Kinder Autoreifen oder Schaumstoffe aus alten Kühlschränken zur Brandbeschleunigung. Das giftige Resultat ihrer Arbeit liegt überall in der Luft und rieselt in feinen Partikeln auf die Schultern herunter: Blei, Kadmium, Barium, Brom, verschiedene Chlorverbindungen, Quecksilber, Arsen und andere Giftstoffe. Teilweise liegen die Konzentrationen 100-fach über den normalen Werken. Letztes Jahr nahmen einige Wissenschaftler im Auftrag von Greenpeace Boden, Luft und Wasserproben und brachten das Problem an die Öffentlichkeit.

„Vor den Giften habe ich keine Angst,“ tönt der 21-jährige Adam Shadu, „der Rauch steigt doch nach oben.“ Er weiß es nicht besser und vergiftet sich seit 6 Jahren jeden Tag aufs neue. Auch der 28-jährige Abdul Gafara macht sich keine Sorgen: „Denn Müll verbrennen doch die kleinen Jungs.“ Es sind die jüngsten die die gefährlichsten Arbeiten ausführen, so wie der 11-jährige Kofi. Er hat nur noch ein Auge, das andere ist verbrannt, wie und wo, will er nicht sagen. Die Arbeit mache ihm aber Spaß und sei besser als Schule. Sein Freund Saddik hat oft Reizhusten und Kopfschmerzen, doch er nimmt morgens und abends immer seine Medizin: Ein Schluck Milch. Sie soll den giftigen Staub ausspülen.

Issah Nikabs kommt regelmäßig auf die Müllkippe, um zu sehen, was sich verändert hat: Letztes Jahr hat ist insgesamt vier Mal der komplette Platz abgebrannt. Das Gift regnet anschließend auf die naheliegenden Wohngebiete ab. „Eigentlich müssten wir den Jugendlichen hier nur ein paar Schraubenzieher geben, und ihnen beibringen, die Computer auseinanderzubauen, dann würde sich hier schon einiges ändern.“ Doch den meisten Kindern sind die Gifte egal. Viele sind noch gesund, sie können sich nicht vorstellen, dass sie wegen der Gifte vielleicht nur 30 oder 40 Jahre alt werden. Niemand weiss, wie viele Menschen bereits an den Giften gestorben sind. „Die meisten Kinder hier kommen aus dem Norden, wenn hier jemand krank wird, wird er nach Hause geschickt, wie es dort weiter geht, wissen oft nicht einmal die engsten Freunde.“ Issah Nikabs hat bereits Erfahrung mit Recycling. Er betreibt seit 15 Jahren zusammen mit Jürgen Meindl eine Plastikentsorgungsfirma in Accra. Jetzt wollen sie Computer verwerten. Die beiden haben zusammen eine Werkstatt aufgebaut. Das meiste Geld dafür haben sie privat eingesammelt, die deutsche Botschaft gab ihnen 8000 Euro Starthilfe. Die beiden wollen den Jugendlichen beibringen, wie sie die Geräte fachgerecht auseinanderbauen können. Noch arbeitet keiner an den neuen Maschinen, doch in 2 Wochen soll es los gehen. „Im Prinzip machen die Jugendlichen dasselbe wie vorher nur ohne sich zu vergiften“, erklärt Issah Nikabs. Doch ob er und sein Kompagnon erfolgreich sind ist fraglich, denn die Verwertung wirft zu wenig ab. Ein Kabel Stück für Stück von der Plastikummantelung zu befreien, ist weitaus arbeitsaufwendiger, als den lästigen Kunststoff einfach zu verbrennen, einen Bildschirm einzuschlagen geht viel einfacher, als mühsam alle Schrauben heraus zu drehen. Ob der 64-jährige die Kinder überzeugen kann ist fraglich. „Ihr werdet weniger verdienen, dafür bleibt ihr gesund, und ihr könnt etwas lernen,“ versucht er sie zu überzeugen. Doch ob er Adam Shadu oder Abdul Gafara überzeugen kann, woanders zu arbeiten ist fraglich: Sie arbeiten zwar jeden Tag 10 Stunden, und verdient nur 2 Euro, doch er hofft auf mehr. „Je länger Du hier bist, desto mehr verdienst Du, spätestens in 2 Jahren kaufe ich nur noch Metalle auf.“

Vielleicht hat Issah Nikab Erfolg bei den Kleinsten: Sie kommen nur auf einen Euro am Tag, und haben nichts zu verlieren. Auf dem Hof der neuen Werkstatt steht für alle Fälle schon ein großer Container: „Wenn der voll ist, verkaufen wir ihn nach Deutschland, wir packen da alles rein, was hier nicht verwertet werden kann: Festplatten, Bildröhren, all das giftige Zeugs, und natürlich Kupfer, dort wird es vernünftig aufbereitet, “ hofft  der pensionierte Chemieingenieur. Er hofft, durch sein Engagement den Kindern und Jugendlichen in Sodom und Gomorrha eine Chance zu bieten. Warum der ganze Schrott nicht direkt in Deutschland recycelt wird, diese Frage stellt er sich nicht. Vielleicht muss er sie sich auch nicht stellen. Das Container mehrmals hin und her rund um die Welt geschickt werden, gehört schon lange zum Alltag – überall auf der Welt.

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