Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Die grüne Pest hat einen klangvollen Namen: Wasserhyazinthen. Tatsächlich lässt die Landschaft an eine Idylle denken: Sanfte Dünen begrenzen das Ufer des Yamuna, des heiligen Flusses in Delhi. Der ist mehr als dreimal so breit wie der Rhein und fließt mitten durch die Stadt. Doch vom Wasser ist kaum noch etwas zu sehen – es ist überwachsen mit Wasserhyazinthen – kleinen, fleischigen, harmlos aussehenden grünen Wasserpflanzen.

Wasser-Hyazinthen - Zeichen für überdüngte Gewässer

Der heilige Fluss ist klinisch tot

Doch dieses Gewächs mit dem schönen Namen ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass mit der Wasserqualität etwas nicht stimmt. Denn Wasserhyazinthen lieben überdüngten Nährboden – mit Fäkalien überdüngten Nährboden. „Der zulässige Grenzwert für Kolibakterien in Gewässern ist 500 Stück für 100 Milliliter. Der Messwert liegt aber derzeit bei 50 Millionen“, sagt Merajuddin Ahmad, Biochemiker beim Centre for Science and Environment (CSE), Indiens führender Umweltorganisation. Angewidert weist der Wasser-Experte auf die dunkle Brühe, die unter den Wasserpflanzen hindurchschimmert. „Dies ist kein Fluss mehr, das ist ein einziger offener Abwasserkanal“, sagt er mit traurigem Blick über den breiten Strom, dessen anderes Ufer im Dunst nur zu erahnen ist. Dabei hält er sich die Nase zu – es riecht faulig wie in einer Kläranlage. Merajuddin Ahmad kommt oft hierher ans Ufer des Yamuna im Stadtviertel Okhra, um den Zustand des Flusses zu begutachten. Es ist eine der wenigen Stellen, an denen man im Stadtzentrum noch direkt ans Wasser kommt. Wohlweißlich ist der Zugang meist durch hohe Zäune versperrt – zu gefährlich wäre es, wenn Kinder darin badeten.

trügerische Idylle - Uferlandschaft des Yamuna

Nur die Hälfte aller Haushalte in Delhi ist an die Kanalisation angeschlossen

Der Grund für die Verschmutzung: Rund 60 Prozent der Abwässer der 14-Millionen-Metropole gelangen ungefiltert in den Fluss. In ganz Delhi gibt es 17 offene Abwasserkanäle, die alle eine stinkende Brühe aus Haushalts- und Industrieabwässern in den Yamuna spülen. „Natürlich haben wir Kläranlagen, aber das meiste Wasser wird gar nicht dort hingeleitet“, erzählt Ahmad. Nur rund 40 Prozent der Abwässer werden gereinigt, bevor auch sie in den Strom gelangen. Dabei reichen die Kapazitäten für die zwei Milliarden Liter Abwasser, die täglich anfallen, eigentlich aus. Doch nur die Hälfte aller Haushalte ist überhaupt an die offene Kanalisation angeschlossen. Die Abwässer der anderen Hälfte versickert vor Ort im Erdreich.

Vier Milliarden Euro zur Reinigung von 22 Kilometern Fluss

„Früher konnte man hier baden, als Kind bin ich stundenlang im Fluss geschwommen“, erinnert sich Ram Prasad Soordas. Der blinde Greis sitzt auf einer Holzpritsche vor seiner Hütte, 100 Meter vom Ufer entfernt. Um ihn herum sind die Männer der Dorfgemeinschaft zum nachmittäglichen Schwatz versammelt. Denn viel zu tun gibt es nicht – sie sind Schiffer, doch kaum jemand möchte noch mit dem Boot über den stinkenden Fluss fahren. „Das Wasser nutzen wir schon lange nicht mehr“, sagt der alte Mann und weist auf einen ausgetrockneten Brunnen, der in der Mitte des Dorfplatzes steht. Stattdessen bekommen sie das Wasser jetzt über eine rostige Leitung, die die Stadtverwaltung gelegt hat.

Frustrierter Anwohner: Ram Prasad Soordas

„Die Verwaltung hat in den vergangenen Jahren Milliarden von Rupien in einen Aktionsplan gesteckt, um den Fluss wieder sauber zu bekommen, aber das Geld versickert einfach, und an der Wasserqualität ändert sich gar nichts“, beklagt Ram Prasad Soordas. Dabei hatte der Supreme Court, der Oberste Gerichtshof, bereits in einem Urteil aus dem Jahr 2001 eingefordert, dass das Wasser des Yamuna so weit gereinigt werden müsste, dass man unbedenklich im Fluss baden kann. So entwarf die Stadtverwaltung den so genannten „Yamuna Action Plan“. Der sieht vor, dass die offenen Abwasserkanäle unterbrochen und in die vorhandenen Kläranlagen der Stadt umgeleitet werden. Zudem sollen weitere Kläranlagen gebaut werden. Doch dies ist nach Einschätzung des Centre for Science and Environment der falsche Ansatz: Zunächst einmal müssten alle Stadtviertel an die Kanalisation angeschlossen werden und selbige dann am besten noch unterirdisch verlegt werden. Doch die Regierung lässt sich nicht beirren. Sie hat 20 Milliarden Rupien für den Aktionsplan bereitgestellt, umgerechnet rund vier Milliarden Euro. „Das ist das weltweit teuerste Projekt zur Reinigung von 22 Kilometern Flusslauf, und es bringt bisher gar nichts“, kritisiert Merajuddin Ahmad. Nicht zuletzt müssten die Gesetze zur Bestattung verstorbener geändert werden. Denn entlang der Ufer liegen unzähligeKrematorien. Die Asche der Toten wird in einer feierlichen Zeremonie dem heiligen Fluss übergeben und verseucht ihn zusätzlich.

Zwei Stunden fließend Wasser am Tag

Zudem sei die Menge der Abwässer viel zu niedrig kalkuliert, schließlich seien die Millionen von Litern, die täglich aus illegalen Brunnen ins System gelangen, nicht miteingerechnet. Denn jeder, der es sich in Delhi leisten kann, baut einen eigenen Brunnen, um das Grundwasser anzuzapfen. Fließend Wasser aus der Leitung gibt es nur zwei Stunden am Tag. Und dessen Qualität ist so schlecht, dass selbst hartgesottene Bürger es nicht einmal abgekocht trinken wollen. Ram Prasad Soordas seufzt traurig. „So ist das in Delhi“, sagt der 85Jährige, bedeutet den Fischern mit einer Handbewegung, dass er aufstehen möchte. Zwei Männer stützen den Alten, der bedächtig zum nahen Tempel geht. Drei Mal läutet Ram Prasad Soordas die Glocke am Eingang, dann verneigt er sich vor der mannshohen hellblauen Shiva-Statue aus Holz, die unter einem Baldachin im Schneidersitz auf die Gläubigen wartet. Der hinduistische Gott der Zerstörung hat dem Fluss den Rücken zugewandt – als ob er die dreckige Brühe nicht sehen wollte.

Dem Fluss den Rücken zugewandt - Shiva, der Gott der Zerstörung

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