Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Informal Area

Claudia bremst ab und fährt langsam weiter. Eine Staubwolke steigt auf. Die Asphaltstraße bricht jäh ab. Die Leiterin eines Waisenhauses in Katutura will mir die „informal area“ zeigen, das Armenhaus der Hauptstadt. Wellblechhütte reiht sich an Wellblechhütte – bis zum Horizont. Es gibt keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine Kanalisation. Die Arbeitslosigkeit liegt hier bei bis zu 80 Prozent. Das ist eine andere Welt. Es ist viel schlimmer, als ich es mir vorgestellt habe. Es bringt mir nichts, diese Bilder schon unzählige Male in den Nachrichten gesehen zu haben. Das hier ist real. Ich rieche die Armut, ich rieche das Elend.

Kindergarten Mandume

Auf einer Anhöhe stoppt Claudia den Wagen vor einer größeren Wellblechhütte. Sie ist bunt angemalt. Auf einer grünen Blechwand steht in gelben Buchstaben: MANDUME Kindergarten. Rings herum ist ein Zaun gespannt. In und vor der Be­hausung sitzen um die 30 kleinen Kinder im Staub und essen ihr Frühstücksbrot. Als sie mich erblicken, springen einige auf, schauen mich mit ihren großen Augen an. Als ich den Fotoapparat heraushole, winken sie mir zu und rufen „Cheese“. Viele von ihnen haben keine Eltern mehr. Sie infizierten sich mit HIV und starben an den Folgen. Die Kinder bekommen etwas zu essen und können spielen. Es steht sogar eine kleine Rutsche vor der Hütte. Vorschulunterricht steht auch auf dem Programm. Dies ist eines von alleine 40 privaten Kindergarten-Projekten in Katutura, das von Anja Rohwer betreut wird. Staatliche Kindergärten gibt es nicht in Namibia. Die engagierte Entwicklungshelferin koordiniert diverse solcher Projekte, gerade baut sie eines für arbeitslose Frauen im Armenviertel der namibischen Küstenstadt Swakopmund auf.

Kindergartenkinder

Wir verlassen die informal area, aus Schotterwegen werden wieder Asphaltstraßen, aus Blechbehausungen Hütten aus Stein. Claudia zeigt mir ihr Waisenhaus mit 18 Kindern. Auch sie haben ihre Eltern durch HIV verloren. Im Vorraum an der Wand hängen grüne Pappzettel mit verschiedenen Wörtern: Blue, fly oder moon. Daneben steht: Let‘s count und die Zahlen von 1 bis 35. Die Kinder erhalten Vorschul­unterricht. In einem der hinteren Räume sind zwei Stockbetten aufgestellt. In einem liegt eine der Kinderbetreuerinnen. Sie ist krank. Durch den Flur springt ein kleiner Hundemischling.

Plötzlich zupft jemand an meiner Hose. Es ist ein kleiner Junge. Er schaut mich neugierig an. Sein Name ist Maven und er ist drei Jahre alt. Er ist unglaublich aufgeschlossen und will spielen. Ich zeige ihm meine Kamera, mache ein Foto. Er kommt ganz nah an die Linse heran und lacht. Dann zeige ich ihm das Bild, er lacht wieder. Als wir wieder im Auto sitzen, erzählt mir Claudia, dass Maven Medikamente nehmen muss. Er ist HIV-positiv.

Maven

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