Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Eine verstaubte Lehmstraße. Die Sonne brennt. Kinder rennen um die Wette. Einige tragen Schuhe, einige laufen barfuss. Sie verlassen die Straße und biegen ab auf einen großen Platz. Dort stehen ihre Mitschüler vor dem Schulgebäude der Grund-schule Aris und feuern sie an. Ein Lehrer schaut auf seine Uhr und stoppt die Zeit. Keiner der 200 Schüler ist heute im Klassenraum. Alle trainieren für einen Sportwettkampf am Wochenende.

Schüler der Farmschule Aris

Aris ist keine normale Grundschule. Denn zum einen ist sie eine Farmschule und zum anderen ist sie halbstaatlich organisiert. Der Ort Aris liegt 30 Kilometer südlich von Windhoek und ist umgeben von Farmen und kleinen Industrieunternehmen.

Viele der Eltern arbeiten aber als einfache Farmarbeiter mehrere hundert Kilometer entfernt. Ohne diese Schule bestände die Gefahr, dass diese Kinder Analphabeten würden. Ein möglicher Ausweg wäre der Unterricht in Windhoek. Aber dort sind die Schulen überlaufen und es stehen für die Kinder vom Lande oft nicht genügend Unterkünfte zu Verfügung. Außerdem haben die Eltern meist kein Geld für ein Schulheim. Aris bietet eine sichere Alternative. Denn der Farmschule ist ein Internat angeschlossen, in dem fast alle der 200 Schüler wohnen können. Die 7- bis 15-jährigen Kinder bekommen regelmäßige Mahlzeiten und werden bei den Hausauf­gaben betreut. Ansonsten würde ein Großteil sehr verwahrlost und untätig heran­wachsen, betont der Deutsch-Namibier Ulf Voigts, einer der Organisatoren des Projekts. Diesem Problem wolle man entgegenwirken, indem man den Schülern einen Halt geben und damit einen kleinen aber wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Landes liefern könne. Farmschulen sind elementar für die Grundbildung in Namibia. In den letzten Jahrzehnten sind sie in mehreren Regionen Namibias entstanden, meist auf privatem Farm-Grund und mit staatlich bezahlten Lehrern.

Hauptgebäude der Grundschule

Im Jahre 1982, als das damalige Südwestafrika noch unter der Kontrolle Südafrikas stand, gründete der inzwischen verstorbene Farmer Dieter Voigts zusammen mit seiner Nachbarin Barbara Rattay die Grundschule Aris. Sie erkannten das Problem: Es gab viele Farmkinder, die nicht in die Schule gehen konnten, weil es zu dieser Zeit nur wenige Internate für schwarze Kinder gab und die Eltern zu arm waren, das Internatgeld zu zahlen. Dieter Voigts stellte ein Stück Land seiner Farm Krumhuk für eine Schule zur Verfügung. Die größte finanzielle Unterstützung für den Schulbau kam aus Deutschland, vor allem vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Heute kümmert sich sein Sohn Ulf Voigts um das Projekt. Der Farmer erklärt mir den halbstaatlichen Charakter der Schule: „Die Lehrer sind vom Staat angestellt und erhalten ihr Gehalt vom Bildungsministerium. Das finanziert auch Schulbänke und einen Teil des Schulmaterials. Der Schulverein verwaltet die Gebäude und das Gelände.“ Das gehört zur Farm Krumhuk. Ein Abtretungsvertrag zwischen Farm und Verein gewährleistet, dass dieser Boden der Grundschule Aris dauerhaft zur Verfügung steht. Auch bei der Finanzierung des Internats sind Staat und Schulverein die Hauptgeldgeber. Der Staat zahlt eine Subvention für jedes Kind, damit werden 50 Prozent der Kosten gedeckt. Die Instandhaltung der Gebäude oder auch die Wasser- und Elektrizitätsversorgung müssen vom Schulverein finanziert werden. Dieser steuert mit Hilfe von Spenden namibischer Farmer und Firmen und deutscher Wohltätigkeitsorganisationen 40 Prozent der Gesamtkosten hinzu. Zehn Prozent der Internatskosten bringen die Eltern mit ihren Monatsbeiträgen auf. Ein Viertel der Familien kann sich die 200 namibischen Dollar pro Kind (ca. 20 Euro) nicht leisten, die übernimmt dann auch der Schulverein.

Die Schüler singen gemeinsam ein Lied.

Die letzten Kinder erreichen das Ziel. Unter ihnen sind Elson, 13 Jahre und Festus, 14 Jahre. Beide gehen in die siebte und letzte Klasse der Grundschule. Da auch ihre Eltern weit entfernt auf einer Farm arbeiten, wohnen sie im Internat. Beide werden im nächsten Jahr die Grundschule abschließen. Elson möchte einmal Polizist werden, Festus träumt davon, als Arzt anderen Menschen zu helfen. Beide möchten also nach sieben Jahren Primary School (Schulpflicht) freiwillig auf die High School wechseln. Sie zeigen mir ihren Klassenraum. Jeden Morgen von kurz nach 7 Uhr bis 13 Uhr werden sie auf Englisch z.B. in Mathematik, Naturwissenschaften oder Musik unterrichtet. Von der 1. bis zur 3. Klasse werden die Fächer auch in der Mutter­sprache der Kinder gegeben. Hier ist das Khoikhoi. Charakteristisch sind die Klick- und Schnalzlaute. Ab der 4. Klasse werden alle Fächer auf Englisch unterrichtet, die Muttersprache wird weiter als ein Unterrichtsfach gelehrt.

Nach der Schule erhalten die Kinder ein warmes Gericht im Speisesaal. Elson und Festus zeigen mir die Anlage. Neben den drei Schulgebäuden und vier Lehrer­wohnungen nehmen die fünf Internatsgebäude den größten Platz in Anspruch. Jungen und Mädchen wohnen in getrennten Häusern. In einem Raum schlafen zehn Schüler in Etagenbetten. „Die kleinen Kinder kuscheln sich in der ersten Zeit oft zu mehreren in ein Bett“, erzählt Ulf Voigts. Sie seien es von zu Hause einfach nicht gewohnt, ganz alleine in einem großen Bett zu schlafen. In den Schulferien wollen einige nicht zu ihren Eltern zurück: Sie würden dort oft zu wenig zu essen bekommen oder geschlagen werden. Die Lehrer hätten dadurch auch schon mal ein Autoritäts­problem, denn Schlagen ist in der Schule natürlich verboten.

Eines der Internatsgebäude

Vor knapp zwölf Jahren war schon einmal ein Stipendiat der Heinz-Kühn-Stiftung in Aris. Markus Mörchen berichtete unter dem Titel „Selbst helfen oder helfen lassen“ aus Namibia und besuchte auch diese Schule. Er hob auch die hohe Bedeutung von Farmschulen für die Kinder armer schwarzer Farmarbeiter hervor. Und schon damals bestätigten ihm Mitarbeiter des Bildungsministeriums, dass sie diese Institutionen unterstützen würden, um im ländlichen Bereich die Schulpflicht durchzusetzen. Seit 1999 hat sich in der Schule einiges verändert. Im Hostel wohnen jetzt fast alle Schüler, der Mitarbeitertrakt ist vergrößert worden, eine kleine Bibliothek ist hinzuge­kommen und ein Kindergarten, in dem die Kinder betreut und auf die Grundschule vorbereitet werden. Was aber hat sich beim Thema „Selbst helfen oder helfen lassen“ getan? Dahinter verbirgt sich der Begriff „Hilfe zur Selbsthilfe“. Könnten sich die Organisatoren bald aus ihrer ehrenamtlichen Arbeit zurückziehen? Es sieht nicht so aus. Der Namibier Ulf Voigts und Barbara Rattay, die vor vielen Jahren aus Mecklenburg-Vorpommern auswanderte, müssen sich weiter sehr intensiv für Spendengelder einsetzen.

Schülerinnen der Farmschule Aris

So ist der Vorsitzende des Schulkuratoriums der Farm­schule ein ehemaliger Schüler, dies klingt nach einem Fortschritt. Erste Ansprech­partner für Spender zum Beispiel aus Deutschland sind aber immer noch Ulf Voigts und Barbara Rattay. Bei einem Projekt mit einer Partnerschule in Deutschland delegierten sie die Betreuung an die Farmschule. Die Verantwortlichen vernach­lässigten aber den regelmäßigen Kontakt mit den Lehrern der deutschen Schule. Die Partnerschaft hielt nicht lange, der Kontakt brach ab. So sammeln die beiden weiter unermüdlich Spenden. Barbara Rattay erzählt, dass sie für das Internat dringend einen neuen Herd und neue Wolldecken benötigen, die alten habe sie schon selbst zu oft geflickt.

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