Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Anna Mafwila kontrolliert die Reifen ihres roten Fahrrades und schnappt sich eine Luftpumpe. Das Rad sieht sehr robust aus, über dem Vorderreifen ist eine schwarze Kiste montiert, auf dem Rahmen prangt in gelben Lettern: „Royal Mail“. Hinter Anna stehen in einem großen Container weitere rote Fahrräder. Postboten trugen auf ihnen die Post in Großbritannien aus. Dann spendete sie die Royal Mail für einen guten Zweck. In ein paar Wochen sollen Touristen aus aller Welt mit ihnen durch die Township Katutura fahren. Das Angebot nennt sich Katu-Tours, Anna Mafwila leitet es. Die 29-Jährige ist während der Unabhängigkeitskämpfe zwischen der damaligen Widerstandsbewegung SWAPO, der heutigen Regierungspartei und dem südafrikanischen Apartheid-Regime in einem angolanischen Flüchtlingslager geboren. Sie will die Touristen mit den Einwohnern von Katutura zusammen bringen und ihnen ihren Alltag zeigen. Natürlich würde auch die Armut eine Rolle spielen, aber im Vordergrund stünde eine „Fun-Activity“: Fahrrad fahren, viel erleben und mit den Bewohnern sprechen: „Da kommen Touristen in großen Bussen vorbei, machen Fotos, das ist wie in einem Nationalpark. Wir wollen eine andere Tour machen, aber wir verstehen uns auch nicht als Hilfsorganisation.“

Anna macht das Rad startklar

Anna holt ein zweites Fahrrad aus dem Container und drückt mir einen Helm in die Hand. Sie will mir den ersten Stopp der Katutura-Tour zeigen, damit ich einen Eindruck von dem Projekt bekomme. Von dem Schotterplatz geht es auf eine vielbefahrene Straße. „Keep left, keep left“, ruft sie mir zu. In Namibia gilt Linksverkehr. Wir fahren vorbei an ärmlichen, umzäunten Häusern, die meist so groß wie Schrebergartenhäuschen sind. Die Leute drehen sich nach uns um, ein kleiner Hundemischling rennt bellend auf uns zu und bremst im letzten Moment vor uns ab. Zwei Menschen auf roten Fahrrädern mit großen Helmen sind ihm wohl nicht so geheuer.

Original "Royal Mail"

Auf der Tour wird Anna den Touristen auch die Geschichte dieses Stadtteils er­zählen. Ab Ende 1959 sind die Schwarzen Windhoeks im Rahmen der südafrika­nischen Apartheidpolitik von ihren eigenen Siedlungen in die abgelegene Township umgesiedelt worden. Dabei wurden auch mehrere von ihnen erschossen. Die Menschen mussten nach Ethnien getrennt leben: Auf den Holzhütten standen Buchstaben: H für Herero, N für Nama oder O für Ovambo. Sie durften weder Land noch Hütten besitzen, sondern mussten beides von der Stadt mieten. Der Name Katutura bedeutet sinngemäß „Der Ort, wo wir nicht leben wollen.“ Erst zur Unabhängigkeit entstand eine richtige Infrastruktur. Aber immer noch sind große Teile der neuen Haushalte „informal houses“, also keine festen Häuser ohne Strom und Wasser. Und aufgrund der Landflucht wächst der Stadtteil immer weiter.

Single Quarters Market in Katutura

Nach zwei Kilometern und einer kleinen Steigung machen wir Halt am Single Quarter Market. Anna spricht mit einem Wachmann in ihrer Landessprache. Die beiden kennen sich. Wir stellen die Räder bei ihm ab. Vor uns erstreckt sich eine große offene Markthalle. Es ist laut und lebhaft. Im vorderen Teil werden Stücke von Rindern mit dem Beil zerkleinert. An der Seite liegen noch die abgeschlagenen Köpfe. Darüber schwirren die Fliegen. Ein paar Meter weiter wird Kapana, mundgerechte Fleischstücke zum Mitnehmen, auf großen offenen Grills zubereitet. Daneben wird ganz viel Getrocknetes angeboten: Mopane-Würmer, Fisch, Früchte und Biltong, luftgetrocknetes mit Koriander gewürztes Rind- und Wildfleisch. Es gibt Mahango, eine Hirseart, aus der Brei zubereitet wird oder das Marula-Öl. Dies wird von den Fruchtkernen des Marula-Baumes gewonnen. Jedem Verkäufer stehen ca. fünf Quadratmeter zur Verfügung. Neben den Verkaufsständen spielen Jugendliche Billard. Dahinter erstreckt sich der etwas noblere Bereich des Marktes. In kleinen Verkaufsräumen bieten Händler Kleidung und Schmuck an. Die Einheimischen würden lieber zum offenen Markt als in einen Supermarkt gehen, erklärt Anna. Hier seien die Waren günstiger und man könne mit den Verkäufern auch noch feilschen. Wir kehren zu unseren Fahrrädern zurück. Anna steckt dem Wachmann ein paar Dollar zu.

Kapana - Rindfleisch auf die Hand

Mit den Touristen wird sie ihre Tour über den Soweto Market zur Evelin Street fortsetzen, die Straße, die niemals schlafen würde. Nach dem Besuch eines gemeinnützigen Projekts, bei dem handgemachte Produkte verkauft werden, geht es weiter zum Goreangab Dam, Zeit für eine Rast am Ufer des Stausees. Für die sieben Kilometer lange Tour hat sie dreieinhalb Stunden eingeplant. Anna und ich fahren jetzt schon wieder zurück. Vor dem Container wartet Michael Linke in seinem Pick-Up auf uns. Er ist der Leiter von BEN Namibia, einer gemeinnützigen Organisation, mit der Anna zusammenarbeitet.

Anna leitet Katu-Tours und Michael leitet BEN

BEN steht für Bicycling Empowerment Network. Das Konzept ist simpel. BEN sammelt gebrauchte Fahrräder aus der ganzen Welt. Die werden in kleinen Fahrrad­werkstätten wieder fit gemacht und sehr günstig an arme Namibier verkauft. Über die Hälfte der Namibier hätte keinen Zugang zu motorisierten Transportmitteln, so Michael. In abgelegenen Regionen gebe es auch keine Taxen oder Busse. Die Werkstätten bestehen meist aus einem großen Container mit Rädern und Ersatzteilen. Diese Container werden von einer lokalen Partnerorganisation bereitgestellt. BEN besorgt die Räder und bildet Namibier, oft junge Arbeitslose, zu Fahrradmechanikern aus. Michael Linke ist Australier. 2004 kam er das erste Mal nach Namibia. Ihm kam die Idee, ungenutzte Fahrräder zu sammeln. Er fand heraus, dass eine britische Organisation bereits ähnliches machte und Räder nach Südafrika verschickte. Dann erfuhr er von HIV-Positiven im Norden von Namibia: Da sie kein Fortbewegungsmittel hatten, konnten sie nicht zur nächsten Krankenstation gelangen. Er baute BEN auf. Inzwischen sind bereits 20.000 Räder verkauft worden und es gibt in ganz Namibia 26 dieser Kooperationen. Eine davon ist die zwischen BEN und King’s Daughters. Das ist ein Kirchenprojekt, das ehemaligen Prostituierten hilft, ein neues Leben aufzubauen.

Fahrradwerkstatt in Katutura

Die Fahrradwerkstatt, von der die Katutura-Touren starten, gehört zu King’s Daughters. BEN bildete die ehemaligen Prosti­tuierten zu Mechanikerinnen aus und stellte die „Royal-Mail“-Räder Katu-Tours zur Verfügung. King’s Daughters kümmert sich um die Wartung. Katu-Tours wird dafür einen Teil der Einnahmen an das gemeinnützige Projekt abführen. Genau so stellt sich Michael Linke sein Netzwerk vor, das auf Nachhaltigkeit setzt. Er schiebt die Projekte an und kann dann wieder neue Kooperationen aufbauen. Eine der Mecha­nikerinnen, nennen wir sie Paula, hat ein Fahrrad auf eine Halterung gehievt. Der Vorderreifen ist völlig kaputt. Sehr schnell und sehr routiniert wechselt sie ihn aus. Sie ist Mitte zwanzig, wohnt in Katutura und hat hier im vergangenen Herbst angefangen. Sie sei sehr froh, dass sie diese Arbeit habe. Michael freut sich, dass sie sich so gut in das Team integriert habe. Sie sei eine richtig gute Mechanikerin geworden. Katu-Tours Chefin Anna Mafwila schiebt die beiden roten Räder zurück in den Container. Regenwolken verdunkeln die Sonne. Die ersten Tropfen fallen. Sie hofft, dass sie zum Ende der Regenzeit ihre ersten Touren mit Touristen starten kann.

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