Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Der Geldtransfer via Handy ist in Kenia eine der erfolgreichsten Geschäftsideen der vergangenen Jahre – und erleichtert das Leben von Millionen Menschen aus armen Bevölkerungsschichten.

Safaricom-Werbekampagne für M-Pesa

Neben den Milliardensummen, die jedes Jahr an öffentlicher Entwicklungshilfe nach Afrika fließen, wirkt der Betrag fast lächerlich: Gerade einmal 910.000 Pfund musste das britische Entwicklungshilfeministerium investieren, um einer Technologie zum Durchbruch zu verhelfen, die bis heute das Leben von Millionen Kenianern radikal verbessert hat. M-Pesa heißt der Dienst, den der kenianische Mobilfunkanbieter Safaricom 2007 mit ausländischer Unterstützung auf den Markt brachte – und sich innerhalb kürzester Zeit zu einem kaum zu unterschätzenden entwicklungspolitischen Projekt entwickelte.

Der Ausgangspunkt: Millionen von Kenianer, vor allem aus ländlichen Gebieten und armen Bevölkerungsschichten, verfügen über kein Bankkonto. Das bedeute für sie lange Zeit: Ersparnisse werden unter dem Kopfkissen gelagert, Rechnungen in bar bezahlt und wenn Familienangehörige in abgelegenen Dörfern Geld brauchen, wird es in langen Busreisen persönlich transportiert.  Die Einführung von M-Pesa änderte das auf einen Schlag: Der Service, eine Art Bankkonto für das Handy, eröffnete der enormen Zahl von Mobilfunknutzern in Kenia (auf rund 39 Millionen Einwohner entfallen derzeit fast 27 Millionen Handy-Verträge) den Zugang zu grundlegenden Finanzdienstleistungen. Wer sich für M-Pesa anmeldet, kann Telefonguthaben so einfach versenden und empfangen wie eine SMS – und sich das auf dem Konto angesparten Geld in Kiosken im ganzen Land auszahlen lassen.

Jeder zweite Kenianer überweist Geld mit dem Handy

Safaricom gelang mit dem Angebot ein regelrechter Kassenschlager: Einem Anfang Januar veröffentlichten Bericht der Communications Commission of Kenya  zufolge benutzen mittlerweile 18 Millionen Kenianer ihr Handy für den mobilen Geldtransfer – also fast jeder zweite in der gesamten Bevölkerung. Vor allem die leichte und kostengünstige Verfügbarkeit des Services sorge für ein rasantes Wachstum in Haushalten mit niedrigem Einkommen, heißt es in dem Bericht.

Die Einsatzmöglichkeiten des mobilen Geldtransfers sind vielseitig: Inhaber von M-Pesa-Konten können damit nicht nur in Supermärkten bezahlen oder ihre Strom- und Wasserrechnung begleichen, sondern auch neue Dienstleistungen beziehen, die sich für viele erst durch M-Pesa erschlossen: So lassen sich damit Versicherungen gegen Ernteausfälle abschließen, Sparpläne für Landwirtschaftsmaschinen erstellen oder Mikro-Krankenversicherungen bezahlen. Selbst die katholische Kirche nutzt den Dienst bereits, um Spenden einzutreiben: In den Gottesdiensten in Nairobi ist das Handy bereits häufig im Einsatz – als Klingel-Beutel 2.0.

Hoher volkswirtschaftlicher Nutzen

Die amerikanischen Ökonomie-Professoren William Jack und Tavneet Suri sehen in M-Pesa und seinen zahlreichen Nachahmern ein enormes Potenzial für die gesellschaftliche Entwicklung des Landes: Die Wirtschaft könne nicht nur durch niedrigere Transaktionskosten und höheren Sparanreize profitieren – sondern etwa auch durch die effizientere Verteilung von Arbeitskräften. So seien Familienmitglieder eher bereit, besser bezahlte Jobs in den Städten zu suchen, wenn sie ihre Angehörigen zuhause in den Dörfern unkompliziert finanziell unterstützen können, schreiben die beiden Professoren in ihrer Studie „The Economics of M-Pesa“. Durch leicht handhabbare Versicherungslösungen ließen sich zudem gesellschaftliche Risiken besser verteilen und Investitionen so leichter stemmen. Außerdem erwarten Jack und Suri eine verbesserte gesellschaftliche Stellung von Frauen, die mit M-Pesa oft erstmals über eigenes Geld verfügen.

Nicht zuletzt ist der mobile Geldtransfer auch ein gutes Geschäft für den Erfinder und Marktführer Safaricom, der zu 40 Prozent dem britischen Vodafone-Konzern gehört: M-Pesa ist für das Unternehmen mittlerweile zu einem der wichtigsten Umsatztreiber geworden.

Das Beispiel zeigt: Es sind nicht immer Milliarden nötig, um die Lebenssituation von Menschen in Entwicklungsländern zu verbessern – oftmals reichen Unternehmergeist und eine gute Idee. Zu dieser Erkenntnis kam auch das britische Entwicklungshilfeministerium: Der Erfolg von M-Pesa veranlasste die Behörde im vergangenen Jahr dazu, ihre Hilfsstrategie in Entwicklungsländern zu überdenken: Künftig will Großbritannien privatwirtschaftliche Unternehmen stärker unterstützen, deren Produkte zu einer Verringerung der Armut beitragen können. Wie das funktionieren kann, werde ich in den kommenden Wochen hier im Blog beschreiben und kenianische Sozialunternehmen vorstellen, die mit innovativen Geschäftskonzepten versuchen, Bildung, Gesundheit oder die Nahrungsmittelversorgung im Land voranzutreiben. Das wird spannend, glaube ich – denn gute Ideen gibt es in Kenia viele.

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