Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Anna Hazare spricht zu seinen Anhängern

Die vergangenen drei Tage habe ich in einem kleinen Dorf verbracht, etwa 250 Kilometer von Mumbai entfernt. Kein normales Dorf, sondern das Vorbild aller Dörfer in Indien. Ralegan Siddhi ist hier das „ideal village“. Manche finden sogar, ganz Indien sollte ein riesiges Ralegan werden.

Das will auch der Schöpfer dieses kleinen, vermeintlichen Paradieses. Er ist das derzeitige moralische Oberhaupt Indiens: Anna Hazare. Im vergangenen Jahr hat Hazare der Korruption den Kampf angesagt und angefangen aus Protest zu fasten. Zwei Wochen hat er nichts gegessen. In der Zeit entwickelte er sich zum nationalen Held; die Inder erklärten ihn zum neuen Gandhi. Erst als Politiker sich bereit zeigten, auf seine Forderungen einzugehen, nahm er ein bisschen Kokosnussmilch zu sich. Außerdem brach er das Fasten, weil die Bewohner seines Heimatdorfes sich um Hazares Gesundheit sorgten.

Denn dieses Heimatdorf hat ihm viel zu verdanken.  Als Hazare nach seiner Armeezeit zurückkehrte, übernahm er inoffiziell die Führung und riss das Dorf aus der Lethargie. Etwa 35 Jahre später ist  Ralegan deutlich wohlhabender als vergleichbare Dörfer  in Indien. Es gibt es ein Biogas-Kraftwerk, Solarlaternen und eine bekannte Schule. Außerdem feste Straßen, 24 Stunden Strom und fließend Wasser. Für indische Verhältnisse ist das der absolute Luxus. Dank eines cleveren Wassermanagements, das Hazare initiiert hat, grünt das ganze Dorf in einer recht kargen Landschaft – einer der wichtigsten Faktoren für den Aufstieg des Dorfes.

Doch der Erfolg des Dorfes basiert auch auf extremer Disziplin, manche sagen auch einem Regime der Angst. Hazare hat fünf feste Prinzipien eingeführt, darunter ein striktes Alkoholverbot, eine rigide Familienplanung und eine Verpflichtung zum Arbeitsdienst. Wer nicht spurte, den verprügelte er öffentlich auf dem Dorfplatz. Oder ließ ihn verprügeln durch eine von ihm aufgestellte Wächtertruppe. Heute spuren alle. Deswegen ist das nicht mehr nötig.

Die Bewohner sind ihm deswegen merkwürdigerweise nicht böse. Sie lieben ihn. Angeblich sogar jene, die er damals demütigte.  Denn mit der Diszplin begann der Aufschwung des Dorfes.

Recht schnell nach meiner Ankunft in dem Dorf habe ich glücklicherweise Yogesh getroffen. Yogesh ist einer der vielleicht fünf Menschen in dem 2500-Einwohner-Dorf, der gutes Englisch spricht. Obwohl er gerade in Prüfungsvorbereitungen steckt, hat er sich die Zeit genommen, mich durchs Dorf zu führen und zwischen den Dorfbewohnern und mir zu übersetzen. Keiner stellte Hazare in Frage und was er sagt, das ist Gesetz. Selbst der eigentliche, gewählte Dorfvorsteher, hat mir das bestätigt. Hazare selbst würde nie zu einer Wahl antreten. Er schwebt über der eigentlichen politischen Verfassung des Dorfes.

Während meinen drei Tagen konnte ich auch etwa eine Stunde mit Hazare selbst sprechen. Yogesh hat übersetzt. Wir haben uns in einem kleinen Zimmer getroffen, das Hazare als Konferenzzimmer dient.

Ich habe ihn für sein Dorf gratuliert, aber auch gefragt, ob er nicht ein bisschen zu streng mit den Bewohnern war. Außerdem interessierte mich, ob ihm Vergötterung nicht langsam ein bisschen zu viel wird. Aber Hazare hat mit nichts von dem ein Problem. Er sagt, dass die Leute einen starken Führer brauchen.  Er habe eine Mission und die müsse er erfüllen. So spricht einer, der denkt, er sei ein Prophet.

Die kulturellen Unterschiede sind mir nie so klar geworden, wie in diesen drei Tagen. Ich kann es zwar verstehen: Hazare hat den Dorfbewohnern ein sicheres Einkommen gegeben und die Angst vor dem Hunger genommen.  Die Menschen haben einfach andere Probleme, als sich um ihre Freiheit zu sorgen. Die Hingabe zu einer Person verwirrt mich trotzdem. Und es sind ja auch nicht nur die Dorfbewohner. Aus ganz Indien reisen derzeit junge Menschen in das kleine Dorf, auch gut ausgebildete, um Hazare zumindest einmal kurz zu sehen.

Der Mann hat sicherlich viel geleistet, und sein Engagement gegen die Korruption ist heldenhaft. Aber sein Dorf als Modell für ein ganzes Land, so wie es hier viele sehen? Ich glaube, das funktioniert nicht. Und ich hoffe es auch nicht. Würde mein Menschenbild ziemlich durcheinander bringen.

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