Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Ganze 120 Jahre alt soll er sein und stolze 8,20 Meter hoch. Sein Standort: Puerto Aroma im Chapare, einem der zwei großen Koka-Anbaugebiete Boliviens. In einer Broschüre über die Region bin ich auf den Koka-Riesen gestoßen. Nun will ich ihn mit eigenen Augen sehen. „Das ist gar nicht weit weg von hier, vielleicht eine halbe Stunde“, erklärt der Mann in der Touristeninformation in Villa Tunari, die gleichzeitig als Anwaltskanzlei dient.

Drei Taxis und zwei Stunden später steige ich mit einer Horde Schülern endlich in Puerto Aroma aus. Das gesamte Dorf fasst genau 17 Häuser, ein paar weitere sind vielleicht noch zwischen den zahllosen Bananenstauden und Kokospalmen versteckt. Ich frage die Schüler, eine ältere Dame, eine Gruppe Jugendlicher – doch Fehlanzeige. Keiner scheint zu wissen, wo die besagte Kokapflanze steht, geschweige denn, wo das Koka-Museum sein soll, das gleichfalls in der Broschüre angepriesen wird. Meine letzte Rettung: die Besitzerin des Dorfkiosks. „Klar, du musst einfach den Berg hoch laufen“, sagt sie und zeigt in die Ferne.

In der sengenden Mittagshitze mache ich mich auf den Weg, der nach einer gefühlten Ewigkeit vor einem Haus endet. „Was, eine Tüte Koka?“ Fragend schaut mich der Besitzer an und pellt in Ruhe sein hartgekochtes Ei weiter. „Die kannst du unten am Kiosk kaufen.“ Weder Koka-Museum noch Koka-Riese sind ihm ein Begriff, auch, als ich ihm die entsprechende Passage in meiner Broschüre zeige. Ich gebe auf. In der Hoffung, dass bald ein Taxi zurück nach Villa Tunari fährt, mache ich mich auf den Rückweg.  Am Wegesrand treffe ich zwei Männer und zwei Jungs, die aus einem Ölfass Benzin in einen kleinen Bagger füllen. Ein letztes Mal versuche ich mein Glück. „Die riesige Kokapflanze, klar, die steht da oben“, erklärt mir einer der Männer und zeigt auf einen Berg. „Da stehen auch noch zwei andere, die sind mindestens zehn Meter hoch. Erst vor kurzem war ich mit zwei Journalistinnen da oben und ich bin sogar auf eine der Pflanzen geklettert“, erzählt er stolz. „Ich würde sie dir ja gerne zeigen, aber wir müssen arbeiten. Wir wollen mit dem Bagger einen neuen Fischteich ausheben.“

Schon aus der Ferne ist eine große Staubwolke zu erkennen. Endlich kommt ein Taxi. Im Kofferraum ist noch ein Platz für mich frei. Gerade als der Fahrer den Deckel schließen will, kommt der Mann noch einmal zu mir. „Los, zeig ihm dein Heft.“ Noch einmal packe ich es aus und stolz liest er dem Taxifahrer von dem Koka-Riesen vor und deutet dabei auf den Berg. „Komm wieder, dann zeige ich dir, wo die drei Pflanzen stehen“, sagt er zum Abschied. Dafür bleibt wohl leider keine Zeit und so lässt sich auf meinem Erinnerungsfoto nur erahnen, welcher der Urwaldriesen besagte Kokapflanze ist.

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