Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Früchte, Brote und allerhand Süßigkeiten am Grab einer wichtigen Persönlichkeit

In der Avenida Bartolomé Guzmán herrscht Jahrmarktsstimmung: zahlreiche fliegende Händler bieten Eis, Zuckerwatte und andere Leckereien an, ein Junge präsentiert die neusten Grusel-Schleimmonster und ein Clown bringt mit seinen Grimassen Klein und Groß zum Lachen. Nur die Straßenverkäufer mit ihren Heiligenbildchen, Rosenkränzen und Gebetszetteln erinnern einen daran, wo man sich gerade befindet: am Haupteingang des großen Zentralfriedhofs von Cochabamba. An Allerheiligentag scheint die halbe Stadtbevölkerung hier zu sein, um die Gräber der verstorbenen Verwandtschaft zu besuchen.

Die Kinder in Bolivien freuen sich schon Tage vorher auf Allerheiligen. Der Tag bedeutet für sie nicht nur schulfrei, sondern auch viele Süßigkeiten. Auf den Friedhöfen bieten sie den Hinterbliebenen an, für die Verstorbenen zu beten. Als Belohnung für ein Vaterunser oder ein Ave Maria gibt es Süßigkeiten, Früchte und frisch gebackenes Brot. „Die Kinder wissen genau, wo sie am meisten bekommen“, erzählt eine Bekannte, „Quillacollo ist sehr gut und Tiquipaya ist auch sehr beliebt“. Alle Speisen werden als Figuren oder Symbole zubereitet. So werden die Brote etwa in Schlangenform (Symbol für die Vergangenheit), als Treppe (damit die Verstorbenen vom Himmel herab und wieder hinauf steigen können) oder als Lama (Lastenträger für Lebensmittel) gebacken. Auch die Süßigkeiten aus einer klebrigen Zuckermasse werden besonders geformt, etwa als Sarg oder Korb.

Raphael und Mario beten für den verstorbenen Alfredo Gonzales

Auch Raphael (10) und Mario (11) sind heute auf dem Zentralfriedhof unterwegs. Nach mehreren Betdiensten haben sich ihre Taschen schon mit allerhand Leckereien gefüllt. „Für wen sollen wir beten?“, fragen die beiden eine ältere Dame, die vor dem Grab ihres verstorbenen Mannes sitzt. „Alfredo Gonzales“, antwortet sie. Und schon legen die beiden los. Wie Gewehrsalven klingt ihr Gebet, das nach knapp 30 Sekunden auch schon beendet ist. Doch der Witwe reicht das nicht. „Noch eins“, fordert sie die Jungs auf. Wenig später ziehen sie weiter zum nächsten Grab, die Taschen um zwei Brote und zwei Orangen schwerer. Sogleich übernimmt eine Dreiergruppe Mädchen das Beten am Grab von Herrn Gonzales. An manchen Grabstätten haben sich sogar lange Schlangen gebildet, etwa am Grab eines verstorbenen Generals. Dessen Verwandtschaft hat nicht nur einen riesigen Haufen Ananas und zahlreiche Süßigkeiten und Brote vorbereitet, jeder Vorbeter bekommt zusätzlich einen Teller Sopa de maní (eine Erdnuss-Kartoffel-Suppe), einst das Lieblingsessen des Verstorbenen.

Ein „Leiterkind“ bei der Arbeit

Auch zahlreiche Musiker mit Gitarren und Panflöten bieten an Allerheiligen ihre Dienste auf den Friedhöfen an – ganz nach Geschmack des Verstorbenen. Neben traditionellen bolivianischen Liedern erklingt immer wieder der Sond of silence von Simon & Garfunkel. Und auch für die Escaleros („Leiterkinder“) bedeutet der katholische Feiertag ein gutes Geschäft. Auf meterlangen Leitern klettern sie bis zu den Grabnischen im dritten oder vierten Stock. Für ein paar Bolivianos säubern sie diese und bestücken sie mit frischen Blumen und den Lieblingsspeisen und -getränken der Verstorbenen. Auch kleine Schalen mit frischen Kokablättern sieht man in einigen der Grabnischen. Wer zu Lebzeiten gerne Koka gekaut hat, soll schließlich auch im Jenseits nicht auf diesen Genuss verzichten müssen.

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