Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

In den letzten Wochen habe ich gelernt: Alter in Indien hat die unterschiedlichsten Gesichter. Eines davon ist das von Chinnamma, einer 75jährigen Frau in Bangalore. Ich habe Chinnama in einer Einrichtung für verarmte Senioren der Organisation Nightingales getroffen. Ihre Geschichte hat mich sehr berührt.

Zwei der wichtigsten Elemente  des Hinduismus sind die Vorstellungen von Karma und Dharma. Karma ist das Gesetz von Ursache und Wirkung, demnach jede Tat – ob physisch oder geistig – eine unmittelbare Folge hat – entweder im nächsten oder im aktuellen Leben. Dharma ist eine Art kosmisches Gesetz, dass das Leben jedes Menschen bestimmt.

„Es war immer schon mein Dharma, arm zu sein. In meiner Jugend und nun auch im Alter“, sagte mir die 75jährige Chinnama, die ich in einer Einrichtung für verarmte Senioren in Bangalore traf. Vor meinem Besuch wusste ich nicht genau, was mich erwarten würde und dann erlebte ich das: In einer Art Lagerhalle saßen ein Dutzend alte Menschen – die meisten waren Frauen – zwischen Bergen von Zeitungspapier auf dem Fußboden. Einige arbeiteten still vor sich hin, andere unterhielten sich laut, während sie Tüten aus den alten Zeitungen falten. Stundenlang.

Chinnama im Day Care Center für verarmte Senioren in Bangalore.

Die Organisation ‚Nightingales‘ hat mehrere Projekte in Bangalore, die sich mit dem Thema Alter befassen. So zum Beispiel das Zentrum ‚Sandhya Kirana’ im Stadtteil Richmond Town. Verarmte alte Menschen können hierher kommen, um sich ein paar Rupien für ihr Überleben zu verdienen. Denn: Eine existenzsichernde Rente gibt es Indien nur für rund zehn Prozent der Senioren. Die meisten Rentner sind auf ihr Erspartes oder das Einkommen ihrer Kinder angewiesen. Andere, wie die Besucher von ‚Sandhya Kirana‘, müssen arbeiten. Viele stammen aus den Armutsviertel Bangalores und müssen etwas für ihre Familien dazu verdienen, andere sind allein, müssen ohne die Unterstützung ihrer Kinder auskommen. Rund 60 Senioren zwischen 60 und 100 Jahren nehmen das Angebot täglich in Anspruch. Von 9 bis 16.30 Uhr können sie das Zentrum  besuchen, um andere Senioren zu treffen, sich auszutauschen oder Tüten für ein paar Rupien zu falten. Mittags kommt eine Ärztin und bietet kostenlose medizinische Hilfe an.

Chinnamma kommt seit fünf Jahren jeden Tag zu ‚Sandhya Kirana’, um zu falten. Wenn sie 100 Tüten faltet, zahlt Nightingales ihr neun Rupien. An einem nicht so guten Tag faltet Chinnamma 200 Tüten. An guten Tagen können es bis zu 600 werden. Das Geld bekommt sie cash ausgezahlt. Chinnama kann jede Rupie gebrauchen: Ihr Mann und ihre Kinder starben früh, Chinnama lebt bei ihrer Schwiegertochter. „Ich darf mit in ihrer Hütte wohnen, aber Geld bekomme ich von ihr nicht“ sagte mir die alte Frau, dessen Ausstrahlung trotz ihres traurigen Dharmas umwerfend ist.

Chinnama im bewegten Bild: http://bit.ly/SdKa36

Homepage der Organisation Nightingales: http://www.nightingales.com

 

 

 

 

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