Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Guten Morgen! Heute möchte ich etwas über die verschiedenen Nationalitäten in Suriname berichten.

Janine und ich trafen uns zum ersten Mal auf einem kleinen Fischerboot in der Nähe von Nieuw Nickerie. Die Unternehmens-beraterin wollte ein paar Tage mit ihrer Familie ausspannen und den stressigen Alltag in Paramaribo vergessen. Wir kamen schnell ins Gespräch und nach einigen Sätzen sagte sie mir: „Ich komme auch aus Deutschland.“ Eine witzige Situation. Janine ist schwarz, spricht kein Wort Deutsch und in ihrem Nachnamen steckt das Wort Paris. Sie erzählt mir von Familientreffen in einem kleinen Ort irgendwo in Norddeutschland, von einem alten Familienwappen und wie ihre Vorfahren nach Suriname gekommen sind. Dann wendet sie sich an ihren niederländischen Ehemann und fragt ihn, wie man sich auf Deutsch verabschiede. „Tschüß und wiedersehen“, sagt sie dann vorsichtig lächelnd. Ein paar Tage darauf bekomme ich eine SMS von Janine: Ob ich in ihrem Büro war, will sie von mir wissen. Ich antworte mit nein, denn damals wusste ich noch nicht wo sie arbeitet. Tatsächlich war ich sogar in sehr vielen Büros. Bei verschiedenen Tageszeitungen, Konsulaten, bei Pastoren und in der Universität. Überall habe ich mich um Termine bemüht oder gleich vor Ort jemanden befragt. Dann schreibt mir Janine Parisius: „Ich bin doch der österreichische Konsul.“ Schon wieder eine witzige Situation. In ein paar Tagen wollen wir uns dann ganz offiziell treffen und der Frage nachgehen, was die Menschen in Suriname eigentlich zusammen hält.

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Mit etwas mehr als 500.000 Einwohnern ist Suriname in etwa so groß wie Luxemburg. Ziemlich genau die Hälfte davon lebt in der Hauptstadt Paramaribo, der Rest verteilt sich entlang der schlammigen Atlantikküste mit all den Poldern, Kanälen und verlassenen Plantagen. Rund 80 Prozent des Landes besteht aus undurchdringlichem Regenwald. Trotz dieser schwierigen Lebensumstände gilt Suriname als Schmelztiegel Südamerikas mit einer unvergleichlichen Vielfalt an Nationalitäten, Sprachen und Kulturen. Auf den Straßen stehen überall Schilder, die auf das 150-jährige Ende der Sklaverei in Suriname verweisen. „Wie wir auch zusammen kamen“, ist darunter geschrieben – eine Zeile aus der Nationalhymne. Die Geschichte des Landes ist geprägt von Ausbeutung, Gewalt und falschen Hoffnungen. Dennoch leben die Menschen hier friedlich zusammen, wenn auch nicht immer miteinander. An vielen Orten in Paramaribo stehen Synagoge, Moschee und Hindu-Tempel unmittelbar nebeneinander. Von meinem Fenster aus sehe ich chinesische Supermärkte, das holländische Pfannkuchenhaus, die französische Botschaft und einen jüdischen Friedhof. Eine paar Mofas schießen um die Ecke, dahinter folgt lautstark eine bunt bemalter Bus. Zu den beliebtesten Motiven gehören anscheinend zahlreiche Hollywood-Promis, indische Götter, Sängerin Beyonce, Präsident Desi Bouterse (mit seinen „Original Desi Girls“ …) oder gar Chefterrorist Osama Bin Laden.

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Amatroesijat Suerindo war auch auf dem kleinen Fischerboot, auf dem ich vor einigen Wochen Janine kennengelernt habe. Sein Nachname steht symbolisch für die Einwanderung der Javanesen (heute die zweitgrößte Volksgruppe in Suriname). Die erste Hälfte seines Namens bedeutet Suriname und wird auch so ausgesprochen. Die zweite Hälfte verweist auf Indonesien. Sein Großvater war um die Jahrhundertwende nach Nickerie gekommen, um dort auf einer Plantage zu arbeiten. Amatroesijat selbst ist Jagdaufseher in den vogelreichen Sümpfen bei Bigi Pan. Er erzählt, wie die Javanesen als Kontraktarbeiter angeworben wurde, was man ihnen versprochen hat und wie die Realität aussah. Er zeigt mir sein Haus und schließlich auf ein paar einfache Hütten in der Nachbarschaft, um zu verdeutlichen, wie seine Vorfahren hier gelebt haben. Nachdem die Sklaverei 1863  abgeschafft wurde, bemühte sich Niederländisch-Guyana (so hieß Suriname damals) um Arbeitskräfte aus Ostindien. Die Briten vermittelten rund 30.000 Inder, die sich jedoch nicht alles gefallen lassen wollten. Der Lohn auf einer Zuckerplantage betrug oft nur 15 Cent am Tag, die Gesundheits-versorgung war schlecht und Bildung gab es schlicht nicht. Als die Briten gegen diese Arbeitspraxis auf den Feldern in Suriname protestieren und damit drohten, künftig keine weiteren Kontraktarbeiter zur Verfügung zu stellen, warb man kurzerhand Javanesen aus der eigenen Kolonie in Indonesien ab. Später folgten dann Chinesen. Ihre eigene Kultur haben sich alle bewahrt: Typische Lebensmittel, Kleidung, Rituale und Festtage. Oft stehe ich schon sehr zeitig auf. Am Flussufer beobachte ich dann meistens zwei Hindus, die in voller Kleidung ins Wasser steigen, dort beten, Kerzen anzünden und Blütenblätter verstreuen.

 

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