Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Vielleicht ist mir die Tatsache ins Auge gestochen, weil ich über das Thema meine Diplomarbeit geschrieben habe. Vielleicht fällt es aber auch jedem medieninteressierten Europäer auf, der mit offenen Augen durch die Straßen der mexikanischen Hauptstadt schlendert. Die Rede ist von Fotos von toten und verletzten Menschen auf den Titelseiten der Zeitungen. Die krasse Art und Weise, wie mexikanische Boulevardblätter wie El Gráfico jeden Tag aufs Neue versuchen, sich in Sensationsgier zu überbieten, ist geschmacklos und mehr als gewöhnungsbedürftig. Egal, ob erschossene Männer oder überfahrene Frauen, Hauptsache, man sieht möglichst viel Blut, das Gesicht des Opfers (gerne auch mal durch den gewaltsamen Tod extrem entstellt) oder Leichenteile – und alles mit einer reißerischen Schlagzeile versehen. „Er wollte nur Brot kaufen gehen“, stand vor einigen Tagen beispielsweise neben dem Foto eines überfahrenen Mannes.

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Das hier abgebildete Titelbild gehört noch zu den angenehmeren Anblicken – ich zeige es an dieser Stelle, um deutlich zu machen, worüber ich schreibe. Das Traurige ist eigentlich, dass die Verkaufsmasche dieser Blätter funktioniert. Um die an den Kiosken hängenden Zeitungen scharen sich oft Passanten und sprechen über die eindrücklichen Aufnahmen. Zum Kauf soll die Aussicht reizen, dass die Leichenschau auch im Innenteil der Zeitung weitergeht. Und diese morbide Lust an Gewaltfotos setzt sich auch in bestimmten Zeitschriften und Fernsehsendungen fort.

Gewalt ist in Mexiko präsenter als in Europa. Die mehr als 70.000 Toten im Drogenkrieg der letzten Jahre sprechen eine deutliche Sprache. Und auch Verbrechen wie Raube* oder Entführungen sind nichts Ungewöhnliches. (Bald werde ich an dieser Stelle über die Sicherheit in Mexiko bloggen.) Aber das ist keine Rechtfertigung dafür, das Leid und den Tod einzelner auszunutzen, um Auflage zu machen – medienethische Überlegungen fließen in die Veröffentlichung der Fotos sicherlich nicht ein.

*Ich weiß, dass „Raube“ komisch klingt, aber es ist laut Duden der korrekte Plural von Raub.

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