Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Das Flugzeug schwebt nicht sanft nach unten, sondern der Pilot senkt in ruckartigen Stößen die Höhe ab. Am Ende setzt die Maschine eher unsanft auf dem Boden auf. Während ich in den Stunden vorher noch cool in Denis Johnsons Liberia-Buch „In der Hölle – Blicke in den Abgrund der Welt“ gelesen und ansonsten geschlafen habe, ist nun auf einmal all die Unsicherheit zurück. Oder, um es mit einem klaren, ehrlichen Wort zu benennen: die Angst.

Wird tatsächlich ein Taxifahrer mit einem Schild mit meinem Namen drauf vor dem Flughafen stehen, um mich abzuholen? Und: Ist das wirklich sicherer, als einfach irgendeinen Fahrer zu nehmen? Immerhin, den Fahrer hat mein Vermieter geschickt, den ich nicht kenne – und den mir ein Deutscher in Monrovia vermittelt hat, mit dem ich auch nur via Email Kontakt hatte. Sollte ich es bis zu meinem Apartment schaffen, ist die spannende Frage, was mich dort erwartet. Vielleicht hätte ich es – mangels Alternativen – nicht einfach so nehmen sollen, sondern ein paar kritische Fragen ansprechen: Gibt es Strom und Wasser? Gehören Ratten zu den Haustieren? Zu spät.

Erstmal muss ich durch die Passkontrolle – für mich kein ganz unkritischer Punkt, nachdem mein Visum nach vielen Tagen der Dreieckstelefonate zwischen mir in Köln, der liberianischen Botschaft in Berlin und dem liberianischen Informationsministerium in Monrovia erst in letzter Minute ankam. Die Frau in dem Verschlag beäugt meinen Pass kritisch. Oder guckt sie doch nur gelangweilt? Jedenfalls gibt sie ihn mir nach einer Minute zurück, nickt und zeigt auf den Weg zum Gepäckband.

Richtig, durch den Zoll muss ich ja auch noch. Auf dem Zoll-Wisch, den sie im Flieger verteilt haben, steht übrigens, es sei strikt verboten, ohne Sondergenehmigung auch nur irgendwelche Medikamente ins Land mitzubringen. Natürlich ist mein Koffer wie der jedes anreisenden Mitteleuropäers voll bis obenhin mit Medikamenten – vom Mittel gegen Durchfall bis hin zur Malaria-Prophylaxe. Während ich noch rätsele, wie viel Schmiergeld mich das am Ende kosten könnte, erbarmt sich meiner ein Flughafen-Mitarbeiter, der meine Verlorenheit erkennt. „Du hast dein Gepäck?“ fragt er. „Dann roll den Koffer rasch durch den Zoll – und halt auch nicht an, wenn dir jemand hinterherruft.“ Er sieht meinen fragenden Blick und macht eine abwinkende Handbewegung, als wollte er sagen: „Du glaubst doch nicht, dass die Frau da sich die Mühe macht, dir hinterherzurennen.“

Und: Er hat Recht. Draußen ist dunkel – thanks again, Brussels Airlines, for changing my flight without asking me –, so dunkel, dass ich ganz nah an die wartende Menge gehen muss, um die vielen Schildern mit Namen lesen zu können. Da ist es: „Peter, Tobias“. Und Uche, mein Fahrer, nimmt in Windeseile meinen Koffer und trägt ihn zum Wagen. In den folgenden 40 Minuten werde ich die drei goldenen Regeln des liberianischen Straßenverkehrs erlernen. Erstens: „Mach den Knopf runter, damit wir nicht überfallen werden“, sagt Uche. Zweitens: Der Rücksichtsloseste gewinnt. Uche ist ein Gewinner. Und, drittens, merke: Nur weil ein Auto Gurte hat, ist es noch lange nicht gesagt, dass irgendetwas da ist, wo man ihn reinstecken kann.

Damit sind wir bei dem gewissen Etwas angekommen, das jeder Liberia-Besucher mitbringen sollte: Vertrauen. Kein blindes Vertrauen, aber doch der Glaube, dass schon irgendwie alles gut gehen wird. Und das ist es dann auch. Mein Apartment im Haus meiner liberianischen Gastgeber ist größer als meine Wohnung in Köln. Strom ist da – es sei denn, er fällt für den Rest der Stadt auch aus. Die Haustiere sind Hunde und außerdem eher Hoftiere, weil sie nicht ins Haus dürfen. Und: Das liberianische Bier schmeckt gut.

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