Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Da stehe ich also auf einem dunklen liberianischen Gehöft in Monrovia. In der Mitte befindet sich ein großes, unbeleuchtetes Gebäude, um das ich herumstolpere, weil irgendjemand hier Metallteile hat herumliegen lassen. Der ersehnte Ausweg, den ich auf der anderen Seite des Grundstücks erhoffe, ist nicht zu finden. Da ist nur eine Mauer mit einer Eisentür. Verschlossen. Ich beschließe also dorthin zurückzugehen, wo ich hergekommen bin. Zurück zu Sand und Wasser.

Hallo, mein Name ist Tobias Peter, ich bin 34 Jahre alt und – neben hoffentlich vielen anderen Begabungen – habe ich auch eine solche dafür, lustige oder auch weniger lustige Missgeschicke anzuziehen. Neulich wurde ich am Strand eingeschlossen.

Es fing damit an, dass ich am späten Nachmittag einen UN-Polizisten zum Gespräch getroffen habe. Ich saß mit dem Mann bei ihm zu Hause am Pool. Er wohnt wie viele andere UN-Leute in einem Gebäude, das zu Fuß eine halbe Stunde entfernt von mir liegt: ein Apartment-Komplex am Strand, 24 Stunden klimatisiert, internationales Klientel, Kosten für ein kleines Zimmer rund 1400 US-Dollar im Monat. Es ist mittlerweile nach 18 Uhr, es dämmert, man kann aber noch gut sehen.

Auch ich wohne nicht weit vom Strand, entscheide also am Wasser entlang zurück zu meinem Apartment gehen. Dabei habe ich zwei Dinge lernen müssen: Erstens sollte man nie die Schnelligkeit, mit der es in Westafrika noch früh am Tag von Helligkeit zu Dunkelheit umschlägt, unterschätzen. Zweitens: Die Tatsache, dass große Teile des Strandes von einer Mauer umgeben sind, in der Türen den Zugang zum Strand ermöglichen, hätte mich auf die Idee bringen können, dass diese Türen irgendwann verschlossen werden. Und das leider, leider auch schon ziemlich früh. Niemand soll hier – wie ich später erfahre – nachts seine Exkremente hinterlassen, weil es dann tagsüber nicht mehr so schön aussehen würde.

Während ich also starte, verschwindet bald um mich herum in Riesenschritten die verbliebene Helligkeit. Es ist aber noch hell genug, dass ich bemerke, wie ich nur noch an verschlossenen Türen entlang gehe. Ich weiß, es gibt bei meinem Apartment in der Nähe ein Strandstück ohne Mauer, wo ich zur Straße käme. Aber zunehmend bin ich unsicher, ob ich nicht vielleicht doch schon daran vorbeigelaufen bin. Ich versuche einige Türen zu öffnen – erfolglos. Ich hetze an langen Mauerstücken entlang und probiere, weil ich ratlos bin, schließlich die Variante mit dem Gehöft.

Ich schwitze. Anstrengung, Stress. Auch Angst? Wieso, sage ich mir trotzig, ist doch mittlerweile eh keiner mehr hier am Strand, man könnte vermutlich sogar gefahrlos die Nacht über dort bleiben. Weil ich darauf aber wirklich keine Lust habe, beschließe ich, zurück zum UN-Wohlstands-Komplex zu gehen. Da komme ich als Weißer auf jeden Fall immer rein. Wenn ich da bin, werde ich einfach Uche anrufen, den Fahrer, den ich gelegentlich engagiere – und lasse mich von ihm abholen.

Ich stapfe nun also im Sand in die andere Richtung und frage mich: Wer zur Hölle hat hier eigentlich den Schlüssel zum Strand? Plötzlich sehe ich – das erste Mal seit vielleicht 20 Minuten – doch einen Menschen. Er winkt mir engagiert mit seinem farbigen Handy-Display zu. Ich beschließe, direkt auf ihn zuzugehen.

Erstens sind am Strand die Chancen an jemandem vorbeizugehen durch das Meer von Natur aus begrenzt. Zweitens habe ich mal irgendwo aufgeschnappt, Diebe winken einem selten mit einem farbigen Handydisplay zu. Drittens: Falls es ein Dieb ist, drücke ich ihm die 20 Dollar, die ich dabei habe, in die Hand und sage: „Jetzt zeig mir den Weg raus. Falls Du den auch nicht kennst, dann wenigstens hoffentlich ein paar gute Geschichten, mit denen du mich heute Nacht unterhalten kannst.“

Wir stehen nur noch einen halben Meter voneinander entfernt. Er hält mir sein Handy entgegen und zeigt auf das Display. „Was machst Du um diese Zeit am Strand?“ fragt er. Es ist bald 19 Uhr.

„Ich suche den Ausgang“, antworte ich.

„Aber warum bist Du so spät noch hier?“ fragt er.

„Weil ich ihn nicht gefunden habe.“

Der Mann gehört offenbar zu einer Art Strandwacht, er bringt mich zu einem Tor, wo einige seiner Kollegen sind und lässt mich raus. „Danke fürs bringen“, sage ich.

Es sind noch ein paar Blocks bis zu mir. Wichtig ist, an der Straße in der Dunkelheit vor allem darauf zu achten, dass man nicht in ein Loch fällt. Hier werden nämlich gern schon mal die Gitterstäbe der Gullys geklaut.

Ich komme beim Apartment an und stelle fest: Stromausfall. Bier ist auch keines mehr da. Ach, scheiße, dann geh ich mal früh schlafen.

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