Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Ich bin mit jemandem zum Essen verabredet, der es im Nachkriegs-Liberia zu etwas gebracht hat. Einer von denen, die es sich im Krieg leisten konnten, nach Europa oder in die USA zu fliehen. Und die nun häufig wieder hier im Land sind.

Bei meinem Besteck fehlt ein Löffel. Ich winke den Kellner heran, um ihn freundlich darauf hinzuweisen. Doch mein Gesprächspartner unterbricht und knöpft sich die Bedienung, in aller Öffentlichkeit, mal so richtig vor. Wie denn so etwas passieren könne, will er wissen. „Wie ist so etwas möglich an einen Ort, der angeblich durch guten Service besticht und dafür stolze Preise verlangt?“ fragt er. „Denken Sie eigentlich darüber nach, was sie hier tun und was das für ein Bild hinterlässt?“ Und überhaupt, auch das Glas für den Rotwein sei nicht das richtige!

Willkommen noch einmal in Liberia, in einem Land, in dem sich – wie mir ein Europäer, der hier seit langem lebt, versichert hat – „alles, aber auch wirklich alles mit Geld regeln und lösen lässt“. Wenn man zu denen gehört, die welches haben.

Die Geschichte dieses Landes ist so speziell, dass ich sie hier nicht zum ersten, aber mit Sicherheit auch nicht zum letzten Mal erwähne: Liberia kennt sich mit extremen Unterschieden aus. Es wurde von freigelassenen Sklaven aus den USA gegründet, die dann für viele Jahrzehnte die eigentlich einheimischen Stämme von der politischen Herrschaft ausschlossen. Damals hat sich eine Oligarchie besonders einflussreicher Familien das gesamte Land zum Untertan gemacht, wie mir ein Abkömmling einer solchen Familie selbst bestätigt hat. In einem Satz: Die einstigen Sklaven schwangen sich zu den neuen Herren auf. Das ist die politische Grundkonstellation, die in der blutigen Geschichte von Putsch, noch mal Putsch und Bürgerkrieg mündete.

Und nun? In Liberia herrscht seit einigen Jahren Frieden, Ellen Johnson-Sierlief, die erste gewählte Präsidentin Afrikas, hat den Friedensnobelpreis bekommen – und es sind viele internationale Hilfsorganisationen hier, seien wir ehrlich, mehr vielleicht sogar, als es für ein so kleines Land gut ist. Und die Unterschiede sind immer noch da. Nicht wenige, die das Land lange und gut kennen, sagen, sie seien sogar noch größer geworden. Das Trennungsmerkmal sind jene grünen Scheine, auf denen feierlich „In God we trust“ aufgedruckt ist: der US-Dollar.

Während der amerikanische Dollar ein beliebtes Zahlungsmittel der Oberschicht und der Internationalen im Land ist, sind die meisten anderen, so sie gerade Geld haben, mit dem liberianischen Dollar unterwegs. Etwa 80 liberianische Dollar braucht man, um auf einen US-Dollar zu kommen. Das Papier des einheimischen Geldes ist noch schlechter als das des amerikanischen – und es vergilbt in der tropischen Hitze so schnell, dass man unweigerlich glaubt, man hätte eine Fälschung in der Hand, wenn der Schein ausnahmsweise noch halbwegs frisch aussieht. Bisher konnte ich aber auch mit diesen seltenen Ausnahmescheinen immer bezahlen. Vermutlich, weil eh keiner glaubt, dass hier jemand das nötige Fälscher-Equipment hat.

Die Dollar-Grenze verläuft nun ausgerechnet häufig an ähnlichen Punkten wie die frühere Trennung zwischen Ober- und Unterschicht. Denn wer nun zurückgekommen ist, um hier ein gutes Gehalt zu verdienen, gehört ja in der Regel zu denen, die sich in früheren Zeiten den Flug in die USA und auch das Studium dort leisten konnten. Keine Frage, das Land braucht jetzt gut qualifizierte Menschen. Aber was ist mit den anderen? Die staatlichen Schulen sind überfüllt. Wer eine Perspektive für sein Kind haben will, muss dafür zahlen. Damit wird womöglich gerade der nächsten Generation das Ticket für ein kleines bisschen Aufstieg weggeschnappt.

Liberia ist ein an Rohstoffen und Bodenschätzen reiches Land. Berauschender Reichtum für wenige, nichts für den Rest: das ist die afrikanische Krankheit. Daran mögen Geschäftemacher aus dem Westen und längst auch aus China ihren Anteil haben, aber es sind nicht allein sie.

Die Kluft zwischen Ober- und Unterschicht in Liberia ist groß. Dort, wo eigentlich eine stabile Brücke über sie führen sollte, liegen nur ein paar lose Bretter. Die Bevölkerung mag kriegsmüde sein. Doch was, wenn die letzten paar Bretter brechen? Oder reicht vielleicht auch nur ein Funke zur falschen Zeit, um sie in Brand zu setzen? Um das Land in einen neuen, brutalen Krieg zu stürzen?

Hey, Hauptsache, der Rotwein kommt im richtigen Glas.

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