Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Himmel und Hölle liegen bekanntlich nah beieinander. Das gilt besonders für die Fahrradfahrer in Mexiko-Stadt. Der Himmel ist in ihrem Fall der Sonntagvormittag bis 14 Uhr, die Hölle die restlichen sechseinhalb Tage der Woche.

Denn normalerweise ist es alles andere als angenehm, sich auf dem Rad durch den Hauptstadtverkehr zu quälen. Natürlich kann man Staus auf zwei Rädern viel besser durchschlängeln als auf vier, aber die Rücksichtslosigkeit vieler Autofahrer und der Mangel an Radwegen lassen Mexiko-Stadt nicht gerade als Radfahrerparadies erscheinen.

So viel zum Verkehrsalltag auf den Hauptstadtstraßen. Jetzt zum oben erwähnten Sonntagvormittag. Seit einigen Jahren werden Woche für Woche viele wichtige Straßen und Hauptverkehrsadern gesperrt – zumindest für den motorisierten Verkehr. In diesen Stunden ist der Asphalt voll von Radfahrern, Joggern und Personen auf anderen – oft originellen – Fortbewegungsmitteln. Diese sonntägliche Tradition hat schnell viele Freunde gefunden. Heute sehen die Straßen, darunter auch der mit Wolkenkratzern gesäumte Paseo de la Reforma als wichtigste Verkehrsader Mexikos aus, als gäbe es hier jede Woche ein großes Volksfest: Sponsoren verteilen an vielen Ecken kostenlose Getränke, Tanzgruppen laden zum Mitmachen ein, Fahrräder werden an unzähligen Ständen kostenlos ausgeliehen und repariert.

ReformaBicis

Wie gesagt, sonntags Himmel, sonst Hölle. Auch die Politik hat das Verkehrsproblem im D.F. (dem „Distrito Federal“, also der mexikanischen Hauptstadt) erkannt und arbeitet an Projekten zur Verbesserung. So gibt es seit einigen Jahren die Radmietstationen „Ecobici“ an jeder Ecke des Zentrums, das innerstädtische Schnellbusnetz „Metrobus“ soll die U-Bahn-Linien komplettieren und die Menschen dazu bewegen, nicht mehr mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. Trotz des täglich kollabierenden Verkehrs bewegt sich also etwas in Mexiko-Stadt. Und zwar immer öfter auf zwei statt auf vier Rädern.

Egal, um wie viel Uhr man nach einer langen Samstagnacht in Mexiko-Stadt ins Bett fällt, das frühe Aufstehen lohnt sich am nächsten Morgen allemal. Wer das nicht glaubt, sollte einmal über den Paseo de la Reforma vom Ángel de la Independencia bis zum Bosque de Chapultepec radeln. Ein tolles Gefühl. Zumindest sonntags vor 14 Uhr.

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