Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Andere Länder, andere Sätze: „Guck mal, wie lange ich schon nicht mehr im Hilton war“, sagt Edwin aus Indien, der seit langem in Doha lebt und gar nicht so außergewöhnlich gut verdient, „das muss schon über ein Jahr her sein.“

Edwin sagt diesen Satz, während er einen Stapel von laminierten Ausweisen durchblättert, die er aus seinem Portemonnaie gezogen hat. Es sind die Eintrittskarten in das andere Doha. Denn mit diesen Ausweisen, jeweils für ein Jahr gültig, sorgsam mit persönlichen Daten beschriftet und mit einem meist furchtbaren Profilbild versehen, erhält man Eintritt in eine der Hotelbars der Stadt.

Und da, pssst!, gibt es dann auch Alkohol.

Das ist nämlich – eigentlich – nicht so richtig erlaubt in diesem islamischen Land. Man darf keinen Alkohol ins Land bringen, man darf ihn nicht in der Öffentlichkeit konsumieren und selbst wenn man ein bisschen beschwipst auf der Straße kontrolliert wird, kann das unangenehme Folgen für das Konto oder die Aufenthaltsgenehmigung haben. In manchen Hotelbars mit Lizenz ist es dann aber eben doch erlaubt. Und es gibt einen sagenumwobenen Ort in Katar, die Qatar Distribution Company, weit außerhalb der City. Dort kann man als Ausländer mit einer Aufenthaltserlaubnis für das Land auch eine limitierte Menge Alkohol kaufen. Wenn man eine saftiges Pfand hinterlegt hat, um eine Lizenz zu beantragen. Chancen hat man nur, wenn man kein Muslim ist. Und wenn der Arbeitgeber den Antrag unterschreibt.

Der junge Einwohner von Welt schleppt daher meist ein halbes Dutzend dieser Eintrittskarten mit sich herum, auch weil die Hotelbars hier ebenso als Ersatz für jede Art von westlichem Nachtleben  dienen – Montags hat das InterContinental Happy-Hour, am Dienstag wird eben im Hilton gefeiert, am Mittwoch gibt es ein Barbecue im feinen St. Regis. „House selected beverages inclusive“ steht dann oft als geheimer Code im Expat-Überlebensmagazin „Time Out Doha“, das hauptsächlich aus Essensempfehlungen beseht, die sich mit Rezensionen von Brunches abwechseln und durch Anzeigen von Hotelrestaurants aufgelockert wird.

Die Sache mit dem Alkohol zeigt ein bisschen, wie Katar funktioniert. Es gibt – natürlich stark vereinfacht – eigentlich immer mindestens zwei Wege, zwei Arten, zwei Spielregeln. Mal ist der eine für die Reichen und der eine für die Armen. Und mal ist da eine Option für Katari, eine für Expats und eine für die Gastarbeiter – zum Beispiel bei der Frage, wie man seine Freizeit verbringt: Die ersten hinter hohen Mauern im Kreise der Familie, die zweiten in Bars oder Restaurants, die dritten haben fast keine. Ist man in einem dieser Kreise und verlässt ihn auch nicht, macht das Leben schnell Sinn und klappt ganz ordentlich.

Nur abends an der Corniche, der Küstenpromenade entlang der Bucht, um die sich Doha ausbreitet, mischen sich diese Kreise ein wenig. Da treffen sich manchmal Grüppchen von Gastarbeitern zum Picknick unter den Palmen. Da spazieren katarische Familien exakt eine halbe Stunde vom Auto in eine Richtung, drehen auf dem Absatz um und marschieren zurück. Da tauschen Expats aus dem Westen den Anzug gegen Joggingklamotten und versuchen vor den Kilos wegzulaufen, die ihnen die Essensempfehlungen aus dem Magazin eingebracht haben.

Oder, und das gilt für alle diese Kreise: Man steht in kleinen Gruppen zusammen, blickt rüber auf die glitzernden Hochhausfassaden von West Bay, lässt sich ein bisschen die Brise vom Golf um die Nase wehen, redet über den Tag und trinkt Karak, süßen Tee mit Milch.

Da macht das Leben dann schnell Sinn und fühlt sich auch ganz ordentlich an.

Blick auf West Bay.

Blick auf West Bay.

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