Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Als ich im Auto zum Flughafen sitze, haben mein Fahrer und ich beide je ein Glas Bier in der Hand. Während ich in der anderen Hand eine der 0,75-Liter Flaschen festhalte, in denen das landesübliche „Club“-Bier hier verkauft wird, braucht mein Fahrer die zweite Hand natürlich für das Steuer. Ob es denn in Liberia überhaupt nicht verboten sei, hinterm Steuer zu trinken, frage ich. „Doch, doch“, sagt mein Fahrer, ein guter liberianischer Bekannter, der mich freundlicher Weise zum Flughafen bringt und dabei eben auch an Verpflegung für die Fahrt gedacht hat. „Aber“, so ergänzt er, „das gilt für Cola genauso wie für Bier, weil man sich ja nicht ganz auf die Fahrbahn konzentrieren kann, wenn man etwas anderes nebenbei macht.“

Verstehe. Wenn wir schon gegen die Gesetze verstoßen, dann doch wenigstens mit Alkohol. So oder so ähnlich lautet wohl die – nun ja – Logik. Immerhin haben wir nur eine Flasche dabei. Ich kann ja zu meiner eigenen Sicherheit ein bisschen schneller trinken als der Mann neben mir.

Der Tubman Boulevard, die wichtigste Straße Monrovias, ist mal wieder vom Verkehr völlig überlastet. „Es gibt hier einige Leute, die nicht aggressiv genug fahren und damit den ganzen Verkehr lahmlegen“, sagt mein Bekannter, der sein Bierglas ausgetrunken und damit die zweite Hand wieder für die Hupe freihat. Interessante Analyse. Mit meinem deutschen Blick hatte ich doch bislang tatsächlich gedacht, die Probleme hier würden durch die verschärft, die glauben, man sollte auf einer Straße so fahren wie ein Pubertierender mit dem Autoscooter auf dem Rummel.

Als wir dann aus der Stadt raus sind, ist es bereits nach 18 Uhr. Alles verdunkelt sich – in rasanter Geschwindigkeit. Während wir an den Wellblechhütten vorbeirauschen, die, meist ohne Licht und Strom, nur noch in Umrissen erkennbar sind, und während ich Menschen Reissäcke am Fahrbahnrand schleppen sehe, sind da noch einmal die großen Fragen: Welchem Umstand verdanke ich mein Erste-Welt-Leben? Warum werden andere in Armut oder sogar Krieg hineingeboren? Ist es nicht seltsam, dass ich mir diese Fragen so nachdrücklich erst hier gestellt habe – obwohl doch jeder, der einen Fernseher hat, weiß, wie es ist?

Der Flughafen rettet mich davor, weiter zu sinnieren. Er ist zwar klein, aber doch wuselig und chaotisch. So gelingt es hier jemandem, mir in einem Moment der Unachtsamkeit meine Lieblingslederjacke zu stehlen – nach stolzen sechs Wochen im Land, in denen mir nichts geklaut wurde. Das ist umso ärgerlicher, als ich die Jacke nur aus dem Koffer genommen habe, um nach der Ankunft in Frankfurt nicht frieren zu müssen. Abgesehen davon frage ich mich wirklich, was irgendjemand mit meiner Lederjacke im Tropenklima anfangen will.

Egal. Du gewinnst und Du verlierst – und wenn Du jedes Mal zu viel darüber nachdenkst, hast Du keine Zeit mehr für andere Dinge. Vielleicht habe ich das in Afrika gelernt. Ich bin also bereit für die Formalitäten zur Ausreise.

Nur eine Formalität?

„Moment, mal“, sagt der Mann bei der Passkontrolle. „Sie sind seit einigen Tagen nicht mehr legal im Land.“

Das könne ich mir nicht vorstellen, entgegne ich. Und verweise auf mein gültiges 90-Tage-Visum. „Ja, ja“, erhalte ich als Antwort. Aber ich solle mir doch mal den Stempel anschauen, der bei der Einreise in meinen Pass gemacht wurde. Da stünde doch eindeutig, der Aufenthalt sei jetzt für 30 Tage genehmigt.

Es steht da sehr, sehr klein. Ich erlaube mir also die Frage, warum man denn – ohne mich auf ein Problem hinzuweisen – die Zahl 30 in meinem Pass vermerkt habe, obwohl das Visum doch ausdrücklich 90 Tage zulasse und mein Rückflugdatum bei der Einreise bekannt gewesen sei. Der Grenzer grinst nur verschmitzt und sagt: „Sie hätten den Stempel doch lesen können.“

Dann lässt er mich dort an der Seite stehen und fertigt erst mal ein paar andere Leute ab. Danach sagt er, ich bräuchte nach 30 Tagen die Genehmigung für ein ganzes Jahr – Kostenpunkt: 50 US-Dollar. Die werde aber nur von der Einwanderungsbehörde in der Innenstadt vergeben, sagt er. Verschmitztes Grinsen, die Zweite.

Ich bin jetzt froh, dass irgendein Instinkt mir am Morgen gesagt hat, ich solle vielleicht doch noch mal mit meiner Visa-Karte Bargeld abheben, weil es hier Eventualitäten des Lebens gibt, in denen man ohne solches nicht weiterkommt.

„Ich weiß, Sie sind ein zuverlässiger Mann, der hier nur seine Pflicht tut und den Gesetzen zu ihrer Geltung verhilft“, sage ich also. „Da ich ja nun einmal dringend zu meinem Flieger muss, wird es das Beste sein, ich zahle die 50-Dollar-Gebühr direkt bei Ihnen. Ich bin sicher, Sie wissen dann, was damit zu tun ist.“

Ich reiche ihm die Scheine. Während er sie mit der rechten Hand nimmt, signalisiert er mir mit einer abwehrenden linken, dass er es nur schweren Herzens tue.

Hinter mir fragt jemand, wofür das Geld sei.

„Ganz normale Verwaltungsangelegenheit“, sage ich.

Archive