Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Über das Wochenende reisen wir mit Tata, der als Fahrer für das Ofenprojekt in Beroboka arbeitet, in den Nationalpark Tsingy de Bemaraha. Die bizarre Karstlandschaft ist seit 1990 UNESCO-Weltnaturerbe und liegt etwa acht Fahrstunden nördlich von Kirindy entlang einer zerklüfteten Piste. Zeit kosten neben den Schlaglöchern auch zwei Fährüberfahrten über die Flüsse Tsiribihina und Manambolo. Die über Letzteren hat keinen Motor, sondern wird von Männern durch Staken bewegt.

Weit hinter der Stadt Belo passieren wir in der trockenen Graslandschaft ein Dorf, in dem mehrere Hütten abgebrannt sind. Kurz darauf stoppt uns ein Geländewagen mit Männern in Militärkleidung. Ob uns irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen sei, fragen sie Tata. Sie sind auf dem Weg in das verwüstete Dorf, das vermutlich am Tag zuvor von Viehdieben überfallen wurde. Zebu-Rinder sind eine harte Währung in Madagaskar und bevorzugtes Ziel von Banditen, die auf madagassisch Dahalo genannt werden.

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Zebus oder Buckelrinder sind bevorzugte Beute der Dahalo (Foto: Lennart Pyritz).
Dahalo trügen kleine, pulvergefüllte Amulette um den Hals oder am Handgelenk und hielten sich für unverwundbar, sagt Tata. Was das für Pulver sei, wisse er nicht. Viele Menschen fürchteten sich aber vor diesen Zaubergeschichten ebenso wie vor der realen Gewalttätigkeit der schwer bewaffneten Banditen, die Frauen und Kinder entführen und ganze Dörfer verwüsten.

Im Sommer 2012 hat die IRIN (Integrated Regional Information Networks), ein politischer Informationsdienst der UN, eine Analyse des madagassischen Dahalo-Wesens herausgegeben. Darin berichten Dorfbewohner, dass die Überfälle seit 2009 zugenommen haben – das Jahr, in dem Andry Rajoelina in einem Putsch die Macht übernahm. Kurz bevor der Bericht erschien, hatte es in der südöstlichen Region Anosy blutige Kämpfe zwischen Sicherheitskräften der Regierung und Dahalo gegeben, die etwa 900 Rinder entwendet hatten. Viele Dorfbewohner flohen in die nächstgelegene Stadt Tolagnaro (Fort Dauphin). Die Zeitschrift „Africa Confidential“ und lokale Medien rechneten der Banditengruppe etwa 400 Mitglieder zu, angeblich kommandiert von einem ehemaligen Garde-Mitglied des Ex-Präsidenten Didier Ratsiraka: Arthur Rabefihavanana, genannt Remenabila. Klaus Heimer erwähnte bei unserem Interview in Tana Medienberichte, nach denen Remenabila inzwischen tot und sein Grab offenbar identifiziert worden sei.

Nicht nur der Südosten war und ist von den Überfällen betroffen. Etwa ein Drittel Madagaskars gilt als „zone rouge“: Schlecht zugängliche Landstriche, in denen die Regierung nicht mit Polizei oder Militär präsent ist, Herrschaftsgebiet der Banditen. So zählten lokale Medien zwischen Mai und Juli 2012 auch 160 Angriffe in der nordwestlichen Region Mahajanga, mit geschätzten 3000 gestohlenen Zebus. Im vergangenen Jahr verbreiteten Dahalo auch in Morondava Angst: Franzi hat in Kirindy erzählt, dass zeitweise davor gewarnt wurde, sich nach Einbruch der Dunkelheit zu Fuß auf die Straße zu begeben.

Viehdiebstahl gehörte bereits vor der französischen Kolonialzeit zum Repertoire der madagassischen Stammesgesellschaft, ursprünglich als Ritual beim Übergang ins Erwachsenenalter. Mit der derzeitigen organisierten Schwerkriminalität habe das aber nichts mehr zu tun, so die IRIN. Besonders die offensichtlich engen Verbindungen der Dahalo zu Militär und Justiz seien bedenklich. Im Umfeld der Wahlen 2002 bekämpften sich Marc Ravalomanana und Didier Ratsiraka mit Hilfe unterschiedlicher Milizen, zu denen Armeeangehörige aber auch Zivilisten zählten. Die damals ausgegebenen Waffen seien nie zurückgegeben worden. Viele der Ex-Milizen könnten heute zu den Dahalo zählen, die mit großem Selbstvertrauen sogar tagsüber gestohlene Herden mit offen getragenen Kalaschnikows eskortierten.

In einigen Dörfern haben sich dem Bericht zufolge inzwischen Bürgerwehren gebildet, die eher darauf aus seien, Dahalos zu töten als sie den Sicherheitskräften zu übergeben. Es fehle das Vertrauen in die korrupte Justiz. Ähnlich äußert sich auch Tata: „Wenn man einen Dahalo ins Gefängnis bringt, begegnet er einem kurz darauf wieder auf der Straße.“

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