Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Mein Onkel Ernst, Erik und ich teilen uns im Camp 2 im Marojejy Nationalpark eine Hütte als Unterkunft. Um sechs wird es dunkel, nach dem Abendessen sitzen wir noch eine Weile zusammen, unterhalten uns und beobachten einen Ringelschwanzmungo (Galidia elegans), der Mangoschalen aus der Küche stibitzt. Um halb neun ist Nachtruhe. Erik lässt es sich allerdings nicht nehmen, vor dem Einschlafen noch einige Gespenstergeschichten zum Besten zu geben.

Erstens: Beziehen die Forscher und Naturschützer ein neues Camp im Wald, eine Lichtung zum Zelten etwa, tritt zunächst der Koch Primot Jugot in Aktion. Er stammt aus einer einflussreichen Familie in Manantenina, einem Dorf am Rand des Nationalparks. Mit hohen Lauten ruft er die Geister an, erklärt dann das Vorhaben der Wissenschaftler und dass sie nichts Böses im Sinn haben. Dann werden die Wesen mit einer Gabe aus Honig und Rum besänftigt.

Zweitens: Niemand findet die Seidensifakas so gut wie Nestor, ein knorriger, dünner und eigenwilliger Mann mit Schnäuzer aus Manantenina. Morgens holt er die Tiere an ihrem Schlafbaum ab, abends begleitet er sie bis zur Nachtruhe. Eines Tages sitzt er müde und erschöpft von der Arbeit in der Campküche, trinkt einen Schluck Rum und schläft danach am Tisch ein. Nach einer halben Stunde wacht er auf und redet mit einer eigenartigen, tiefen Stimme und entrücktem Blick. Eine klare Angelegenheit für die anderen: Ein Geist spricht durch ihn. Einer der Dorfbewohner kennt sich aus. Man müsse den Geist direkt ansprechen und herausbekommen, was er wolle. Zuerst wird er nach seiner Herkunft gefragt. „Tuléar“, dröhnt es aus dem dürren Nestor heraus. Langsam wird klar, was ihn beunruhigt: Ein Forschungsprojekt mit den Sifakas bereitet Probleme und wurde abgebrochen. Irgendwie gelingt es, den Geist zu besänftigen, Nestor schläft still für eine weitere halbe Stunde, dann wacht er als er selbst wieder auf. „Er war blass und sah krank aus“, sagt Erik, „drei Tage lang hat er nicht gearbeitet.“ Nestor geht nur manchmal zum Fluss, der sich unterhalb des Camp 2 über die Felsen stürzt, stützt sein Gesicht in die Hände und weint.

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Nestor, erfahrenster Sifaka-Finder und Zwischenstation für einen Geist (Foto: Ernst Golde).

 

Drittens: Erik ist in Fahrt und gibt uns den Rest. In Marojejy und anderen Wäldern Madagaskars glauben viele Menschen an „kalanoro“, kleine Menschen, die tief im Unterholz leben und sich nur von Früchten, Knollen und Krabben ernähren. Ihr Körper ist bedeckt von langem schwarzen Haar, ihre Augen leuchten rot, am Boden bewegen sie sich auf allen Vieren, wobei die Füße in die verkehrte Richtung weisen. Auch Peter Tyson schreibt in seinem Buch „Der achte Kontinent“ über die kalanoro. Er zitiert den Bericht eines englischen Missionars über einen winzigen, behaarten Mann, der 1879 etwa 80 Meilen westlich von Maroantsetra gefangen wurde. Er habe keine Kleidung getragen, habe gebissen und sich in der Zelle auf Händen und Füßen bewegt. Nach fünf Monaten sei er gestorben. Ein Koch habe in Camp 2 in Marojejy angeblich einmal nachts kalanoro in der Küche gehört, sagt Erik vergnügt. Später habe er sie auch gesehen und ihnen Honig angeboten. Sie seien sehr klein und sehr schwarz gewesen. Als die Geschichten des Kochs in die benachbarten Dörfer durchsickerten, machte sich Angst breit. Die madagassische Nationalparkverwaltung rief zu einem Treffen, Erik musste berichten, was er über den Vorfall wisse. Der Koch habe sich schon länger seltsam verhalten, sagt er. Vielleicht hatte er auch Malaria.

Erik rollt sich in seine Decke ein. Wenig später ist er eingeschlafen, atmet ruhig und gleichmäßig, während Ernst und ich noch lange wach liegen und auf rote Augenpaare warten, die durch die Ritzen unserer Waldhütte starren. Danke Erik. Und gute Nacht.

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