Meine Nachforschungen zum Verhalten internationaler Rohstoffkonzerne im Cesar haben mich zu Horacio geführt. Er ist im Vorstand eines Regionalverbandes von „Sintraminergética“ – eine große Gewerkschaft in der Kohleregion Cesar. Seit 18 Jahren ist er bei einem US-amerikanischen Familienunternehmen angestellt. Er begrüßt mich mit einem freundlichen Lächeln, holt zwei Kaffee und kommt direkt zur Sache: „Kolumbien ist ein gewerkschaftsfeindliches Land“, sagt er. „Wir haben in Kolumbien fast 20 Millionen Arbeiter, aber die Gewerkschaften vereinen nicht einmal vier Prozent davon.“ Er schätzt, dass mehr als 70 Prozent der Arbeiter bei den großen Rohstoffkonzernen im Cesar über Subunternehmen angestellt sind. Genau kennt er diese Zahlen aber nicht. „Die Konzerne lassen sich da nicht in die Karten gucken.“

Horacio

Horacio im Gewerkschaftshaus

Um seine Aussage zu untermalen, liest er mir die letzte Drohung gegen ihn und einige seiner Kollegen vor: „Die Stunde ist gekommen: Wenn ihr nicht sofort mit Eurer Arbeit aufhört, bringen wir zuerst Eure Kinder um, dann eure Frauen und danach euch.“ Die SMS ist eine gefühlte DIN A4 Seite lang, der aggressive und perverse Ton ist abstoßend. Es ist die sechste SMS in diesem Jahr. Horacio legt sie alle ausgedruckt auf den Schreibtisch – er ist ein PR-Profi.

Die Anklageschrift der Gewerkschaft ist lang. Von den 4000 Personen, die in den Minen des Konzerns arbeiteten, seien fast 800 aus Krankheitsgründen nicht mehr in der Lage ihre Arbeit auszuführen. „Wenn du krank bist, bekommst du direkt 42 Prozent weniger Lohn“. Das Resultat sei, dass die Arbeiter aufs Ganze gingen und sich erst krank meldeten, wenn es schon viel zu spät sei. „Und wenn wir uns für deren Rechte einsetzen, dann kommen eben diese SMS.“

Der Druck dem die Gewerkschaften standhalten müssen, ist enorm. Im Jahr 2001 hielten Paramilitärs einen Bus mit Arbeitern auf dem Heimweg an. Zwei Männer wurden aus dem Bus gezerrt und umgebracht – der damalige Präsident der Gewerkschaft „Sintraminergética“ und sein Vize. Ein halbes Jahr später töteten sie dann den neuen Präsidenten der Gewerkschaft. „Das war ein Schlag, die wollten uns einfach auslöschen. Wir alle hatten Angst und Panik – und sind erst mal kürzergetreten mit unseren Aktivitäten.“ Seitdem stellt der kolumbianische Staat den Vorstandsmitgliedern der Gewerkschaft ein Auto mit Sprit und einen Leibwächter zur Verfügung.

Gewerkschafter

Fotos von Horacios zwei ermordeten Kollegen

Die verantwortlichen Paramilitärs wurden später, wegen ihrer Verwicklungen in die Morde, zu langen Haftstrafen verklagt. Doch die Familien wollten mehr. Sie zogen in den USA vor Gericht, um den Konzern für die Taten verantwortlich zu machen. Im Jahr 2007 wiesen die Richter eine Verantwortung des Konzerns ab. Das war vor der Aussagen vieler Paramilitärs. 2009 gingen dann acht Kinder der Gewerkschafter nochmals vor das Gericht. Im Gepäck hatten sie die Geständnisse mehrerer Paramilitärs über Zahlungen des Minenunternehmens als Gegenleistung für die Morde an den Gewerkschaftern. Doch auch das reichte nicht. Die US-Richter wiesen den Fall in diesem Jahr ab.

Für Horacio sind die Verbindungen zwischen seinem Arbeitgeber und den Paramilitärs eindeutig: „Die Paras waren regelmäßig bei uns auf dem Grundstück der Mine. Sie haben dort ihre Autos getankt und in der Kantine gegessen.“ Damals hätten sie gedacht, es handele sich um Sicherheitspersonal, erzählt Horacio. „Erst später dann, mit der Demobilisierung, haben wir erfahren, wer das war“. Nun da viele der Köpfe hinter Gittern sitzen, seien andere in ihre Fußstapfen getreten, so Horacio. „Die nennen sich heute anders, aber die Methoden sind die gleichen.“ Dennoch hat der kolumbianische Staat die Unterstützung für die Gewerkschafter reduziert. Benzin für die Autos wird seit Kurzem nicht mehr bezahlt. Dementsprechend eingeschränkt ist Horacios Bewegungsfeld. „Wir Gewerkschafter leben hier wie Gefängnis“, sagt er und lacht dabei wieder freundlich.

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