Der erste Blick auf Malaysia ist enttäuschend. Zwar kann ich an der Küstenlinie Strände und türkisfarbenes Wasser erkennen. Aber alles andere sieht von oben fast so aus wie Deutschland: endlose grüne Wälder, grüne Wiesen, unterteilt von ordentlichen Straßen. Erst als das Flugzeug kurz über den Baumwipfeln fliegt, sehe ich: Das sind keine Tannen, das sind Palmen. Ein Meer aus Palmen umgibt den Flughafen und die ersten Kilometer Richtung Stadt. „Hier wird Palmöl angebaut“, erklärt mir später mein Taxifahrer, der mich vom Flughafen in die Stadt bringt. Malaysia gehört zu den größten Palmöllieferanten der Welt. Ein Teil des Öls wird exportiert. Der Export macht etwa 6 Prozent des Gesamtexports von Malaysia aus. Der größte Teil des Palmöls aber wird im eigenen Land zur Herstellung von Reifen und anderen Produkten verwendet.

Nach eineinhalb Stunden Autofahrt und Stau komme ich in der Unterkunft an, in der ich die ersten zehn Tage meiner Reise bleiben werde. Mein Schädel dröhnt. Zwölf Stunden Flug, die Zeitumstellung und das Klima machen mir zu schaffen. Vielleicht liegt es daran, dass sie mir nicht gefällt, diese Stadt. Vielleicht liegt es auch daran, dass es meine erste Reise nach Südost-Asien ist. Europa, Amerika vom Norden bis zum Süden, die arabische Welt – überall bin ich schon gewesen. Aber das hier ist anders.  Schier endlose, drei bis vierspurige Straßen ziehen sich durch die Stadt. Sie stehen auf fetten Betonpfeilern, führen teilweise zu dritt über- und untereinander her. Vom Auto aus sieht alles gleich aus – nach Wolkenkratzern, Hochhäusern und Baustellen. Ein Baukran neben dem anderen. Es stinkt nach Abgasen. Auf den Gehwegen auch nach allem anderen, was stinken kann. Diese Stadt ist nicht schön. Diese Stadt ist seltsam. Das schreibt sogar mein Reiseführer.

Ich mache mich auf Richtung Chinatown, dem Zentrum der Stadt. Hier soll Kuala Lumpur – oder KL wie es alle nennen – seinen Anfang genommen haben. Auf dem Straßenmarkt werden Handyhüllen, Plastikschuhe und Plastiktaschen mit Markenaufdruck verkauft. Zwischen einem heruntergekommen aussehenden Guesthouse und einer Garküche ragt ein hinduistischer Tempel heraus. Ich fahre mit der Magnetbahn weiter Richtung Petronas Twin Towers, den seit fast zwanzig Jahren höchsten Zwillingstürmen der Welt und wohl dem bekanntesten Wahrzeichen Malaysias.

 

Petronas Twin Towers Foto: Carolin Gagidis

Petronas Twin Towers Foto: Carolin Gagidis

 

Ich gehe ein Stück zu Fuß, werde beinahe von einem Bus überrollt, der geradewegs auf mich zuhält und mich zwingt, aus dem Weg zu springen und flüchte mich zwischendurch immer wieder von einem klimatisierten Geschäft ins nächste. Ich muss abkühlen. Jedes Viertel sieht anders aus. Mal wie der Leicester Square bei Nacht, mal wie Bangkok.

Gegen Abend fühle ich mich endlich etwas weniger wackelig auf den Beinen. Im Park hinter den Twin Towers gibt es für die Sportlichen eine Laufstrecke. Ich muss aufpassen, nicht umgerannt zu werden. Kaum zu glauben. Schließlich ist es jetzt um 19 Uhr immer noch 31 Grad warm und das bei 80 % Luftfeuchtigkeit. Hin und wieder lässt sich ein Sportler mit hochrotem Kopf und schweißgetränkten Klamotten auf der Wiese neben dem Weg nieder – vornehmlich Europäer, wie mir scheint. Die Läufer mit asiatischen Gesichtszügen scheinen besser mit der drückenden Schwüle zurechtzukommen, egal ob schlank und sportlich oder offenkundig Laufanfänger. In großen weißen Lettern leuchtet der Nike-Slogan auf dem schwarzen T-Shirt einer korpulenten Frau, als sie – für mich in diesem Moment nahezu federleicht – an mir vorbeifliegt. „Just do it“! Vielleicht ist es auch einfach nur die Einstellung. Da muss ich jetzt wohl durch, durch diese seltsame Stadt.

Dieses Seltsam-Gefühl begleitet mich die ersten Tage. Aber es wird jeden Tag etwas weniger. Anders als vor allem in Europa, ist es in KL weniger die Stadt selbst, die fasziniert. Es sind die Menschen. Da ist der Gemüsehändler auf dem Markt, der mir erzählt, dass ihm am Nachmittag beinahe der Stand weggeschwommen wäre. Zwei Stunden am Stück hatte es wie aus Eimern gegossen. Da ist die Straßenhändlerin, die mir von ihrem türkischen, aber in Malaysia hergestellten Baklava vorschwärmt. Oder der indisch-stämmige Zahnarzt, der mir im Hindutempel erklärt (während eine Hochzeitszeremonie gefeiert wird): „Du darfst überall hin. Außer in diese ganz kleinen Räume mit den Treppen davor. Aber da darf ich auch nicht rein. Mach so viele Fotos, wie du willst. Bleib solange, wie du möchtest. Du störst nicht.“ Da ist dieses Lächeln, mit dem fast jeder Blickkontakt in meinen ersten Tagen in dieser Stadt endet.

 

Gesang der Brahmanen bei einer Hochzeitszeremonie im Sri Mahamariamman Tempel

 

Und da sind vor allem die Taxifahrer. Sie bringen mich jeden Morgen zu meinem Startpunkt und abends zurück nach Hause. Umgerechnet höchstens 5 Euro muss ich für eine Fahrt von etwa 20 Minuten zahlen. Und in diesen ersten Tagen in dieser seltsamen Stadt werden sie zu meinen kleinen persönlichen Highlights. Da ist Lim Peng Chin, der chinesische Taxifahrer. Er ist in Malaysia geboren. Ein Viertel der Malaysier sind wie Peng Chin chinesischer Abstammung. Damit machen Sie neben 65 Prozent Malaien und gut 10 Prozent Indern die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe in Malaysia aus. Peng Chin ist ein Angeber. Acht Sprachen spricht er fließend. Das sei ganz normal in einem Vielvölkerstaat wie Malaysia. Peng Chin spricht zwei chinesische Sprachen, natürlich Malaiisch und Englisch. Von seinen Kumpels in der Schule hat er Tamil gelernt und dann hat er sich Koreanisch selbst beigebracht – das sei für ihn als Chinesen nicht schwer. Die anderen beiden Sprachen verheimlicht er mir. Dafür bringt er mir bei auf Persisch zu fluchen. „Du musst die Hand zur Faust ballen und den Daumen hochstrecken. So als wolltest du eine Eins zeigen.“ Der persische Stinkefinger. Den hat Peng Chin von einem Fahrgast gelernt. Und dann zeigt er mir die deutschen Autos auf der Straße. „Ein Mercedes. Das sind die besten Autos der Welt!“ Die hätten einen sehr guten Motor. Aber auf deutschen Straßen könne man ja schließlich auch sehr schnell fahren. „Bei euch gibt es keine Geschwindigkeitsbegrenzungen. Ich weiß, dass die Emiratis jedes Jahr nach Deutschland fahren, um mit ihren Autos endlich mal richtig schnell fahren zu können.“ Als ich ihm daraufhin erzähle, dass ich auf deutschen Straßen auch schon mal schneller als 200 km/h fahre, ist er baff. Das könne sein Auto nicht! Aber diese deutschen Autos seien eben gute Autos, kraftvolle Autos.  Und als ich am Ziel schon fast ausgestiegen bin, ruft er mir nochmal hinterher: „200 Stundenkilometer, man, man, man!“ und schüttelt den Kopf.

Und dann ist da Samir, der muslimische Malaie und das totale Gegenteil von Peng Chin. Ihn habe ich ins Herz geschlossen. Als ich freitagabends ein Taxi suchte, wollte mich keiner unter dem doppelten Normalpreis nach Hause fahren. Samir war der fünfte Taxifahrer, den ich fragte. Nur er war bereit sein Taxameter einzuschalten. 2003 ist Samir mit seiner Frau nach Mekka zur Hadsch gefahren und darf sich deswegen Hadschi nennen. Die zwei Wochen in Mekka haben ihn ein Vermögen gekostet. Aber: „Wenn du es dir als Muslim erlauben kannst, ist es deine Pflicht, das einmal im Leben zu machen.“ Samir hat drei Kinder und sieben Enkelkinder. Die jüngsten sind Drillinge. Seine Kinder haben alle studiert. „Meine eine Tochter ist ein Doktor“, erzählt mir Samir stolz. Aber sie wohnen alle weit weg, mindestens sechs Stunden Autofahrt. Dass ich mit Samir heile nach Hause gekommen bin, wundert mich immer noch. Bis er 60 war, hat er für die Regierung gearbeitet. Dann war er ein Jahr zuhause, bevor er beschloss, sich mit dem Taxifahren die Rente aufzubessern und vor der Langeweile zu flüchten. „Ich bin jetzt mein eigener Boss.“ Das ist jetzt zwei Jahre her. Aber sein Auto hat er immer noch nicht im Griff. An jeder Ampel lässt er den Motor laut aufheulen. Einmal verzieht er das Lenkrad und fährt einem Anderen beinahe in die Tür. „Da war eine Katze, hast du die gesehen?“ Die letzten zwei Kilometer erkläre ich ihm mit Hilfe einer Straßenkarte, wo er herfahren muss. „Es war schön dich kennengelernt zu haben“, sagt er mir, als wir endlich angekommen sind. „Dass du eine schöne Reise hast und dass du gesund nach Hause zurückkehrst.“

Der Reiseführer hat Recht. Es lag nicht nur an meinen Kopfschmerzen: Diese Stadt ist seltsam. Aber irgendwie seltsam schön. Der größte Teil meiner Reise liegt noch vor mir. Ich freue mich drauf und bin gespannt, welche Geschichten ich am Ende mit nach Hause bringe.

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