Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Den ursprünglichen Reiseplan habe ich längst verworfen. Termine werden so spontan ausgemacht wie sie verschoben werden. Manches lässt sich gar nicht so organisieren wie geplant. Und dann kommen auch noch unvorhergesehene Gelegenheiten dazu, die der Zufall einem serviert – wie die Begegnung mit Ephrem, dem Künstler.

Ich irrte wieder einmal von einem jener kurz haltenden Taxibusse zum nächsten, deren Zielorte lediglich laut ausgerufen werden. Auskunft darüber, welcher mich zur sozialwissenschaftlichen Fakultät in Addis Abeba bringen würde, gab es nirgends. Wie auch, der Halt ist nur als Siddist Kilo bekannt. Das erklärte mir einer der Wartenden am Gehsteig. Ein hilfsbereiter, etwas schüchternen Typ, auffällig schick gekleidet mit Veste und Ringen an Fingern und Handgelenk.

Wir könnten auch gemeinsam dorthin laufen, meinte er. Es sei doch Rush Hour, da müssten wir ohnehin ein paar der Minibusse abwarten, bis wir einen freien Platz bekommen würden. Und so spazierten wir los, gerieten ins Plaudern und stellten fest, dass eine Verbindung zwischen uns besteht: Bis vor wenigen Monaten hatte er, Ephrem Mulugeta, in Addis Abeba Kunst studiert – und als Abschlussprojekt die Arbeit der Weber in Gemälden festgehalten. Ausgerechnet der traditionsreiche Berufsstand, mit dem ich mich noch beschäftigen möchte.

Ephrem im Innenhof des Hauses seiner Familie

Er selbst ist in Shiromeda aufgewachsen, dem Stadtteil der Weber. Klar könne ich ihn dort besuchen kommen und seine Bilder ansehen, sagte er mir am Ende des viertelstündigen Fußwegs am Eingangstor der Universität. Abgemacht!

An einem der Samstage steige ich in einen jener Taxibusse, deren Zielort laut ausgerufen wird: Shiromeda. Der Stadtteil liegt am Hang des Ntoto, einem Berg am Rande der Hauptstadt Äthiopiens, unter dessen bewaldeter Kuppe sich etliche Kirchen verbergen. Vor etwa 30 Jahren zog es immer mehr Weber aus dem Süden des Landes in die Hauptstadt, um dort der Arbeit nachzugehen, die sie in ihrer Heimat perfektioniert hatten. In Addis werden sie noch heute als Dorze bezeichnet – nach dem Namen der Volksgruppe in ihrer Herkunftsregion.

Sie arbeiten immer noch mit purer Muskelkraft an Prozessen, die in modernen Fabriken von ausgetüftelten Maschinen übernommen werden. Aus den Baumwollbüscheln spinnen manche von ihnen Fäden, die von anderen in einer Jahrhunderte alten Technik zu Stoffen verwoben werden. Die traditionellen Gewänder sind deshalb meist weiß wie die Baumwolle – und verziert mit breiten Streifen, die feine, bunte Muster tragen.

Ephrem kennt viele der Dorze der Nachbarschaft seit seiner Kindheit. Meist haben sie kleine Werkstätten eingerichtet. Oft müssen in ihnen auch Kinder arbeiten. Ein Jahr vor seinem Abschluss der Kunsthochschule hat er begonnen, Fotos und Skizzen zu machen und mit seinem Dozenten ein Konzept zu entwickeln. „Ich wollte mit Pastell arbeiten“, sagt er. „Die Sanftheit daran gefällt mir, die auch in den Bildern zu sehen ist“. Seine fünf Kommilitonen des vier Jahre dauernden Malerei-Studiengangs haben andere Materielen und Objekte gewählt. Ölfarben beispielsweise und Nahaufnahmen von Insekten.

Ich war schon immer fasziniert von den Gegenständen, mit dem die Dorze arbeiten“, sagt er. Dem Madarworia beispielsweise, einem runden Gestell, mit dem der Garn, das Shirma, gesponnen wird. Und dem Moke, in dem sich der Garn befindet und mit flinken Handbewegungen mit den hunderten parallel verlaufenden Fäden, den Dirr, gekreuzt und zum Stoff verwoben wird.

Ephrems Bilder sind semiabstrakt und die Größenverhältnisse dementsprechend verzerrt

Ephrems Bilder sind semiabstrakt und die Größenverhältnisse dementsprechend verzerrt

Die Fotos aus ihren Werksktätten hat er immer noch auf dem Laptop, den er im Wohnzimmer seiner Familie aufgeklappt hat. Sind sind stark verpixelt. „Ich habe sie auch nur zur Inspiration gebraucht“, sagt er. „Denn meine Gemälde sind semiabstrakt“. Sie fokussieren auf den Werkzeugen der Dorze, deren Größenordnungen verzerrt sind. Die Weber selbst sind oft nur als schwache Silhouetten zu erkennen, verdeckt von etlichen Fäden, die sich in dicken Streifen durch die Bilder ziehen. Zehn Gemälde sind es insgesamt, mit variierenden Größen und unterschiedlichen Motiven.

Er möchte eine Blick hinter die Kulissen geben. „Die meisten Menschen denken bei Shiromeda an die Marktstände der Dorze und besuchen sie nur, um ihre Produkte zu kaufen“, schreibt er in seiner Erklärung an seine Prüfer. „Aber sie haben kein Interesse daran, die Urheber der gewobenenen Produkte kennenzulernen und ihre Arbeit wert zu schätzen“.

"Ich bin Künstler"

„Ich bin Künstler“

Der 27-jährige wohnt noch in dem eingeschössigen Haus, in dem er und seine fünf Geschwister aufgewachsen sind. Er hat sich ein Atelier in einem winzigen Raum eingerichtet, das an den schmalen Gang hinter dem Haus angrenzt, der die Küche mit dem Wohngebäude verbindet. Zuvor hatte die Familie es an eine junge Frau vermietet, die nun einer Staffelei, dutzenden Bildern auf Leinwänden, Papier und Pappe, zwei Bündeln Pinseln und einem Stapel mit Akryl-, Öl-, Aquarell- und Pastellfarben weichen musste.

Seine älteren Geschwister sind verheiratet und gehen geregelten Arbeiten nach. Eine seiner Schwestern beispielsweise ist das Kindermädchen bei einer britischen Familie. Sie mögen seine Bilder, aber betonen, wie schwierig es für ihren Bruder ist, damit Geld zu verdienen. Zumal er ja auch noch viel Geld in Malutensielen investieren muss. Noch lebt er von dem, was sein Vater verdient, der die meiste Zeit unterwegs ist als Laborant in verschiedenen Teilen des Landes.

„Ich werde daher wahrscheinlich auch als Lehrer arbeiten müssen und Malkurse geben, um Geld zu verdienen“, sagt er. Aber einen andere Tätigkeit nachzugehen, um sich seine Leidenschaft zu finanzieren? Das sei keine Option, sagt er mit Stolz: „Ich bin Künstler“.

Ein Ausschnitt der unzähligen Geschäfte traditioneller Kleidung in Shiromeda

Ein Ausschnitt der unzähligen Geschäfte traditioneller Kleidung in Shiromeda

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