Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Wie man ein Projekt wird

Die Brasilianer, die mir begegnen sind freundlich und hilfsbereit. Bevor man um Auskunft bittet sollte man sich aber fragen, ob man bereit ist, ein Projekt zu werden. Denn selbst wenn der Gefragte keine Antwort weiß, er wird nicht locker lassen, bis er helfen kann.

Bevor ich zu weiteren Interviews nahe Recife fahre, möchte ich ein Wochenende in Olinda verbringen, einer bunten Künstlerstadt die seit 1982 UNESCO Weltkulturerbe ist.  Olinda hat keinen großen Busbahnhof. Wer in die schöne (=linda) Stadt möchte, nimmt einen Bus nach Recife, steigt vorher in „Abreu e Lima“ aus, nimmt zwei weitere Stadtbusse und geht das letzte Stück zu Fuß, um in Olindas historischer Altstadt anzukommen.

Kurz vor 10 Uhr morgens stehe ich in Abreu e Lima auf dem Mittelstreifen einer stark befahrenen Hauptstraße. Obwohl ich mich vorher über den Weg informiert habe, frage ich eine junge Frau neben mir an der „Bushaltestelle“ nach dem besten Weg nach Olinda, ein grober Fehler, wenn man unausgeschlafen ist und gerne einfach unerkannt und in Ruhe weiterreisen möchte.

Die junge Frau nennt mir den Bus, muss aber selbst einen anderen Bus nehmen. Ein Mann wird auf unser Gespräch aufmerksam. Die junge Frau berät jetzt mit ihm , was wohl der beste Weg nach Olinda sei. Beide stellen erleichtert fest, dass der Mann denselben Bus nehmen wird wie ich, zwar nicht bis zum Ende, aber so kann er mich in den Bus setzen. Es werden diverse Wegoptionen durchgesprochen, man schimpft auf die Busse, die zu selten fahren. Um der hitzigen Diskussion zu entgehen, kaufe ich ein Wasser bei einem der zwei Männer, die Wasserflaschen aus Styroporkisten und kleine Tüten mit Popcorn- Geschmackrichtung Butter- verkaufen. Auch der Verkäufer möchte wissen, wohin ich fahre. Nachdem ich mein Ziel genannt habe ruft er seinen Wasserkollegen herbei. Auch die beiden steigen in das Beratungsgespräch mit ein. Inzwischen erfahre ich, dass der wartende Mann eigentlich eine Mitfahrgelegenheit gehabt hätte, die er jetzt aber verpasst hat. Außerdem ist sein Handy heute kaputtgegangen.

Neben uns werden große Luftballongirlanden in hellblau und rosa von einem Laden abgehangen. Die Rabattaktion ist beendet. Es finden sich sofort zahlreiche neue Besitzer für die Luftballons. Einer der weißen VW- Kombi- Busse, deren Produktion nach 56 Jahren in Brasilien erst 2014 eingestellt wurde, und die bis heute oft als Alternative zu Bussen eingesetzt werden, wird mit  Ballons geschmückt. Ein kleines Mädchen zieht glücklich mit den anderen davon. Eine letzte, einsame Ballongirlande weht über die befahrene Straße. Inzwischen kommt ein Bus, die junge Frau verabschiedet sich. Der Mann nimmt nun seine Aufgabe noch ernster. Bei jedem Bus erklärt er, dass dieser für mich nicht passend sei und rudert energisch mit den Armen. Es gesellt sich ein weiterer Straßenverkäufer zu unserer Runde. Über seiner Schulter trägt er Holzststäbe, an denen gekochte Wachteleier hängen. Auch er will nach Olinda, allerdings auf die andere Seite. Lautstark klärt der Mann den Eierverkäufer über meine Portugiesischkenntnisse auf „das Mädchen versteht und spricht ein bisschen“ sagt er mit vielsagendem Blick in meine Richtung. Jedes Mal, wenn ich mich aus Versehen ein bisschen aus dem Schatten des Haltestellendaches bewege, werde ich energisch zurückgerufen „die Sonne ist sehr heiß, bleib im Schatten du bist sehr weiß“ erklärt eine ältere Frau mit freundlichem Gesicht. Inzwischen habe ich sogar Popcorn Geschmack Butter gekauft, der starke Buttergeschmack überrascht mich, bisher war der Geschmack von  Butter für mich eher neutral. Nach einer halben Stunde kommt endlich der richtige Bus. Unter starkem Rudern und Winken werde ich von Mann und Eierverkäufer herbeigerufen und samt Rucksack durch das enge Drehkreuz, welches sich in Brasilien am Eingang jedes Busses befindet, gelotst. Während der eine beginnt Eier im Bus zu verkaufen berichtet der andere Mann allen Mitfahrenden im weiteren Umfeld von seinem Tag, dem Unglück mit seinem Handy, und dass „dieses Mädchen hier“ nach Olinda möchte. Erneut bildet sich eine Gruppe Hilfsbereiter um mich. Schnell findet sich eine Frau, die bis zu meinem Ziel fahren wird.  Die Frau, der Eierverkäufer, der Mann und ich steigen am Busbahnhof aus, um einen weiteren Bus zu nehmen. Während der Eierverkäufer auch hier offenbar ein gutes Geschäft macht, verabschiedet sich der Mann. Unsere Wege trennen sich nun. Er erklärt der Frau noch mal genau wo ich hin möchte und sie erklärt mir noch mal, dass sie quasi zum gleichen Ziel wolle und nur eine Haltestelle vorher aussteige. Wir nehmen den nächsten  Bus. Die Frau informiert sofort den Busfahrer, sowie seinen Kollegen über mein Reiseziel. Die beiden wollen sicherstellen, dass ich nicht noch kurz vor dem Ziel falsch fahre. Während der Fahrt ändert die Frau dann doch ihre Meinung. Sie werde mich zu meiner Haltestelle begleiten und dann einfach schnell zurückfahren. Ich sage ihr, in Erinnerung an die lange Wartezeit , dass das nicht nötig sei. Sie lässt sich nicht davon abbringen. Endlich angekommen zeigt sie mir noch den Fußweg.  Vor einer Gruppe Taxen stehend, erklärt sie, das seien Taxen und ich könne natürlich auch ein Taxi nehmen. Dann verabschiedet sie sich und ich gehe die letzte Strecke zu Fuß. Der Eierverkäufer ist nicht mitgekommen.  Sicherheitshalber frage ich auf dem letzten Abschnitt nicht mehr nach dem Weg. Ich möchte nicht wieder zum Projekt werden.

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Olinda

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Karnelasvorbereitungen in Olinda

 

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