Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

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Es ist Dienstagabend und ich voll bis oben hin. In meinen ersten zweieinhalb Wochen in Uruguay habe ich so viel Input bekommen, so viele Zahlen, Behauptungen und Thesen geschluckt, dass mein Hirn und ich ein paar Tage Zeit brauchen, um uns zu sortieren.

Deshalb schleppe ich mich am frühen Mittwochmorgen hoch zu Tres Cruces, Montevideos zentralem Busbahnhof und kaufe mir ein Busticket ins Küstendörfchen Cabo Polonio. Mitbewohner, Bekanntschaften und Reiseführer haben mir alle gleichermaßen von „Cabo“ vorgeschwärmt: Der Ort sei „algo muy especial“, etwas wirklich besonderes.

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Odyssee durch Gaucholand

Der Weg ans Ziel ist hingegen absolut typisch, zumindest für Uruguay. Sobald der Bus die Hauptstadt verlassen hat, definiert Uruguay meinen Begriff von „Weite“ neu. Grünes, flaches, völlig unbesiedeltes Land bis zum Horizont. Keine Berge, kaum Menschen, dafür viele Kühe und ein paar Pferde. Gaucholand.

Ab und zu durchstoßen seltsam gruppierte Palmen oder kleine Wäldchen das Flachland, gelbe und violette Wildblumen beflecken das Grün. Ich überlege lange, ob diese Landschaft nun unendlich langweilig oder auf eine spezielle Weise absolut spektakulär ist und komme am Ende zu keinem Ergebnis.

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Cabo kündigt sich schon aus der Ferne an. Wir sind fast fünf Stunden unterwegs, als sich am Horizont riesige hellgelbe Sanddünen erheben. Wir steigen um in einen großen umgebauten LKW mit Reifen groß wie Planschbecken. Mit Bussen und normalen Autos ist Cabo nicht zu erreichen. Das Dorf liegt in einem Nationalpark und ist bis heute nicht ans Straßennetz angebunden (ans Stromnetz im Übrigen auch nicht).

Hippietraum zwischen Seelöwen und Windrädern

Je näher wir dem Dorf kommen, desto lichter wird das Gras und desto tiefer der Sand, auf dem wir fahren. Wir durchqueren ein Waldstück, erreichen einen breiten Sandstrand und steuern endlich auf unser Ziel zu: Cabo Polonio, ein Fischerdorf mit etwa 100 Einwohnern, gelegen auf einer Halbinsel, an deren Spitze ein Leuchtturm drohnt.

In der Mittagssonne ist Cabo noch ein bisschen schöner als ich es mir vorgestellt habe, ein bunt bemalter Traum für Teil- und Vollzeithippies: einige Dutzend aus Holz, Planen und alten Sitzmöbeln zusammengewürfelte Hütten verteilen sich scheinbar wahllos auf der Halbinsel, ziehen ihren Strom aus Solarpanels und Windrädern. Am Fuße des Leuchtturms kämpft eine ganze Horde Seelöwen jaulend um die besten Sonnenplätze. Und die einsamen Strände – eingeklemmt zwischen dem wilden Atlantik und bis zu 30 Meter hohen Dünen – sind so lang, dass ich ihr Ende am Horizont nur erahnen kann.

Ja, genau nach diesem Ort habe ich gesucht.

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