Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Die Ziege wehrt sich nach Leibeskräften, doch der Nomade kennt kein Erbarmen und zerrt sie an den Hörnern in die Jurte. Dort dreht er sie auf den Rücken, bindet ihr die Beine zusammen und beginnt das Fell zu kämmen. An dem riesigen Kamm bleiben dabei Büschel von Wolle hängen: Kaschmir.

Ich befinde mich in einem kreisrunden Filzzelt, tief in der Wüste Gobi und erlebe die jährliche Kaschmirschur. Sechs Nomaden hocken mit jeweils einer Ziege zwischen den Beinen dicht an dicht in der Jurte und kämmen was das Zeug hält. Die ganze Familie ist dabei und packt mit an, es geht schließlich um einen guten Teil des Jahreseinkommens. Die Kämme werden immer kleiner, die ausgekämmte Bauchwolle immer feiner und die Säcke immer voller – schließlich ist die Kaschmirwolle bereit für den Transport ins eine Autostunde entfernte Wüstendorf Shinejinst.

Ein paar Tage später treffen sich dort alle Kaschmirnomaden des Distrikts mit Händlern, um bei einer Auktion ihre Ware möglichst gewinnbringend zu verkaufen. Dieses Jahr wird das Kilo Kaschmirwolle mit umgerechnet knapp 30 Euro gehandelt, was den Händlern natürlich zu viel und den Nomaden zu wenig ist. Nach einigen lautstarken Diskussionen werden sich dann aber doch alle handelseinig.

Die Wolle wird jetzt von den Zwischenhändlern in die Hauptstadt Ulan Bator gebracht, wo sie in großen Fabriken weiterverarbeitet wird: zu Kaschmirpullovern, Handschuhen und Mützen. Bei uns im Westen kostet ein Kaschmirpullover bis zu 300 Euro, ein echtes Luxusprodukt, dem man seine Herkunft aus der kargen Wüsten nicht mehr ansieht. Für die Wüstennomaden und die mongolische Wirtschaft ist Kaschmir eine große Chance, es ist der einzig erfolg- und gewinnversprechende Exportartikel des Landes. Doch der Kaschmirboom hat seine Schattenseiten: weil die Herden immer größer werden, benötigen sie immer größere Weideflächen. Die Ziegen besetzen die letzten freien Wasserstellen der Gobi und verdrängen die Wildtiere. Und sie hinterlassen karge, verödete Landschaften und tragen so zur Wüstenausbreitung bei.

Für mich geht es spannend weiter: Ich werde miterleben, wie Nomadenkinder mit Steinen Musik machen, wie Bärenforscher aus Exkrementen lesen und freue mich schon bald in der Wüste schwimmen zu gehen.

Doch dazu später mehr….

Archive