Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Grazil und anmutig tanzen vier Laotinnen in traditionellem Sin im Park. Sie haben ihre Haare alle zum gleichen Dutt hochgesteckt und bewegen sich absolut synchron. Sie tanzen tatsächlich so, wie man das aus asiatischen Werbevideos kennt: Tippelschritte, Arme und Finger schweben vor dem Gesicht hin und her, Dauerlächeln. Dazu scheppert Musik aus einem tragbaren Ghettoblaster. Ein junger Mann in Jeans und Karohemd steht dahinter und schmachtet den Liedtext in eine kleine Video-Kamera.

In einer der wenigen Grünanlagen Vientianes läuft ein wichtiger Dreh für ein Karaoke-Video. Wenn der karierte Held fertig ist, wechselt die Besetzung. Eine bildschöne Laotin betritt die Kulisse, ebenfalls von vier quasi geklonten Tänzerinnen flankiert. Das traditionelle Kostüm ist viel zu groß für die schmale Gestalt. Eine Maskenbildnerin muss das Oberteil hinten mit Stecknadeln deutlich enger stecken. Da kann die junge Künstlerin noch richtig hineinwachsen – ebenso wie in ihre Karriere.

Karaoke ist in Laos (wie vermutlich in allen asiatischen Ländern) der absolute Knaller – bei den Einheimischen. Oder auch Wachmacher und Kopfschmerzbereiter bei den Gästen aus dem Westen. Je nachdem von welcher Seite man das betrachtet. Das was in der Kaschemme neben meinem Hotel regelmäßig zum Besten gegeben wird, lässt mich jedenfalls immer wieder erschaudern.

Jeden Abend versammeln sich dort junge Laoten um hemmungslos in das zur Verfügung stehende Mikrophon zu singen, jaulen, schreien, ächzen, heulen. Beschreibungen gibt es dafür viele. Lieder, die zur Auswahl stehen leider auch. An jeder Ecke, in jedem Markt lockt mindestens ein Stand mit hunderten bunten CD-Covern mit Thai- und Lao-Pop und den passenden Karaoke-Versionen inklusive.

Und wie einer dieser beliebten Stars wollen eben auch der Karo-Mann und die schmale Schöne werden. Deshalb der Dreh. Besonders professionell wirkt die Kameraführung leider nicht. Immerhin verwendet der Amateurfilmer ein Stativ und gibt immer wieder Zeichen, wenn eine Tanzformation nicht ganz auf Linie ist. Synchronität ist alles – Musikalität ist nichts.

Der Thai-Pop liegt auf der Beliebtheitsskala immer noch weit vorne. Das liegt vor allem auch an der Vermarktung. Bunt schrill und glitzernd flimmert die Traumwelt rund um die Uhr über die Grenze und aus jedem Fernseher. Und jeder hier hat einen Fernseher, sobald er einen Stromanschluss hat. Ich habe mich schon gefragt, ob man das im Kombi-Angebot billiger bekommt…..

Da zappeln überschminkte Mädchen in uniformiert bunten Outfits über den Schirm und werfen Kussmünder. Dazwischen flashen bunte Comicelemente. Die Botschaft: Das Leben ist eine kunterbunte zuckersüße Wundertüte. Gut ist hier jedenfalls alles, was aus dem Westen kommt. Und der Westen fängt von Laos aus gesehen in Thailand an.

Das bekannteste laotische Pop-Sternchen trägt deshalb auch den typisch laotischen Künstlernamen Alexandra. In ihrem Pass steht Thidavanh Bounxouay. Und das Lied, das mir mein Kellner Weu auf Nachfrage begeistert vor summt könnte auch alles sein.

Immerhin: Bis 2003 war laotische Popmusik quasi verboten. Das kommunistische Regime hatte in den 90er Jahren kurzerhand beschlossen, dass Pop einfach nicht zu Laos passe und alle existierenden Bands wurden aufgelöst. Erlaubt war nur Luuk Thung, laotischer Schlager. Zuckersüße Melodien mit laotischen Schmachttexten. Die Nachfrage, vor allem bei den jüngeren Laoten hielt sich allerdings in engen Grenzen, der Musikhandel mit Thailand hingegen kannte keine.

Und weil Laos ein junges Volk ist, 40 Prozent der Laoten sind unter 25 Jahren alt, entschied die Landesführung das Verbot zu lockern: Wenn die Jugend schon diese Musik hört, dann kann sie auch hausgemacht sein. So behält die Partei wenigstens die Kontrolle über die Texte. Denn die müssen vor Veröffentlichung allesamt durch die staatliche Zensur-Maschinerie. Da fallen offenbar schon mal Textzeilen durch das Raster.

Was die beiden Jungstars im Park zum Besten geben, ist wahrscheinlich schon geprüft und autorisiert. Sonst würde sich der ganze Aufwand nicht rentieren. Denn irgendwie muss man sich ja auch aus der Menge der Möchtegern-Sternchen abheben. Immer dudelt hier irgendwo irgendwas – im TukTuk am Straßenrand, aus den Hütten der Wachleute vor offiziellen Gebäuden, aus Shops und hinter Marktständen. Asiatischer Singsang.

Nur der Besitzer einer Straßengarküche lässt mich bei einem Abendessen noch mal an allen großen Hits von Modern Talking teilhaben. Man kann ja von Dieter Bohlen halten was man will. Aber der Mann ist sogar in Entwicklungsländern ein Held. Und auch Livemusik ist hier immer westlich angehaucht. Und so trällert sich das Duo in einer Kneipe jeden Abend durch ein Repertoire das mit „das allerbeste vom Besten aus Kuschelrock 3 bis 21“ beschrieben werden kann.

Ob Holzfäller-Look und Grazie die beiden Nachwuchskünstler aus dem Park weiterbringen werden, kann ich nicht sagen. Es ist spannend zu beobachten, aber von der Masse, die ich schon gesehen habe, hebt sich die Darbietung in der Grünanlage weder in den Bewegungsabläufen, noch im Outfit oder den quälenden Melodien ab. Obwohl: Wahrscheinlich ist gerade das das Erfolgsgeheimnis. Je anstrengender, desto Karaoke.

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