Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Gemüse. Ich brauche Gemüse. Ich kann kein Fleisch mehr sehen.Chile ist kein Land für Gourmets. Und schon gar kein Land für Leute, die sich gesund ernähren wollen. Ich hatte ja schon vor meiner Reise davon gehört, dass die chilenische Küche nicht für ihre Kreativität berühmt ist. Und das hat sich bis auf einige Ausnahmen auch bestätigt.

Es fängt schon beim Frühstück an: mit Nescafe!!!! Ich sitze in Südamerika und trinke löslichen Kaffee. Ich konnte es kaum glauben. Dazu gibt es überall das Gleiche: Brötchen, Gouda und Kochschinken. Ende.

Man sollte ja meinen, am Meer kann man mit Fisch nicht viel falsch machen. Zum Teil ist das auch so, aber das Angebot ist doch recht begrenzt und dass schlimmste ist, sie panieren den Fisch zu Tode! Oder legen ein Ei oben drauf. Also doch zurück zum Fleisch. So ein Steak ist hier immer groß und blutig. Doch wehe man versucht mal eine andere Variante, dann gibt es eine Käse-Sahne-Matsche dazu. Oder mit Ei obendrauf.  Gemüsebeilage? Fehlanzeige. Vegetarier gibt es hier wohl keine. Auch das Angebot an pflanzlicher Nahrung im Supermarkt ist eher bescheiden. Tomaten, Paprika, Möhren – das war’s.

Naja, zumindest schmecken die Getränke. Der Wein ist großartig, der Pisco Sour sowieso und auch das Bier schmeckt. Die Deutschen Wurzeln…..Aber man kann sich auch nicht jeden Abend das Essen schön saufen..

Bis vor kurzem habe ich ja zumindest die Meeresfrüchte genossen, von denen es unglaublich viele Varianten gibt. Das ist nun aber auch vorbei. Schuld ist Matthias Gorny. Er ist Meeresbiologe und arbeitet als wissenschaftlicher Leiter bei „Oceana“ – einer amerikanischen NGO, die sich dem Schutz der Meere verschrieben hat.

Deutsche Kirche in Puerto Varas

Matthias lebt in Puerto Varas, einer wunderschönen kleinen Stadt in der Region der Großen Seen. Dort, im Süßwasser wird der Lachsnachwuchs großgezogen und dort begann auch die Katastrophe, die die Lachsindustrie in Chile bis ins Mark getroffen hat. Norwegische Lachszüchter brachten den ISA-Virus ins Land, der in den letzten drei Jahren große Teile der Industrie lahm legte. Oder zumindest zeitweise.

Llanquihue-See

Auf jeden Fall erzählte mir Matthias, dass die meisten Meeresfrüchte ganz in der Nähe der Lachsfarmen gesammelt oder gezüchtet werden. Und so bekommen sie den ganzen Dreck ab, mit dem die Lachse in ihren Käfigen am Leben gehalten werden. Noch dazu haben viele Meeresfrüchte die schlechte Angewohnheit, das Wasser zu filtern, in dem sie leben. Guten Appetit!

Mittlerweile habe ich aber die Region verlassen und befinde mich auf Erkundungstour durch die Fjorde Patagoniens. Die Landschaft ist unglaublich, wären da nicht all die Lachskäfige, die man vom Land und vom Wasser aus überall sieht. Es ist wirklich unglaublich, welche Ausmaße das hier angenommen hat. Zwar sieht das auf den ersten Blick alles nicht schlimm aus, aber unberührte Natur ist anders.

Lachsfarm in Fjord

Nun bin ich in Puerto Cisnes angelangt. Ein kleiner Fischerort am Rande eines Fjordes. Als ich ankam, waren hier 30 Grad. Am nächsten Tag der Schock: nur noch 12 Grad und Sturm. Am Abend saßen wir am Holzfeuer. So ist Patagonien.

Tag 1 in Puerto Cisnes

Tag 2 in Puerto Cisnes

Dort traf ich Raimund, ein Chilene, wieder mit deutschen Wurzeln. Er verdarb mir noch mehr den Appetit. Raimund erzählte mir, dass es grundsätzlich schwer sei, gesunde Nahrungsmittel in Chile zu kaufen. Denn alles sei auf Massenproduktion ausgerichtet. Vor allem das Obst, dass so toll aussieht in den Auslagen, sei ohne Ende mit Pestiziden und was es sonst noch gibt behandelt. Bio-Produkte gibt es schon mal gar keine.

Masse statt Klasse, so funktioniert auch die Lachsindustrie. Raimund kämpft schon seit Jahren gegen die Auswüchse der Aquakultur in seinem Ort. Doch er steht damit allein auf weiter Flur. Über 150 Anzeigen hat er gegen die Betreiber der Lachsfarmen um Puerto Cisnes schon gestellt. Doch nicht eine Einzige hat etwas bewirkt. So wirkt Raimund deprimiert und müde, im Laufe des Gespräch steigen ihm die Tränen in die Augen. Und als er mir von den Seelöwen erzählt, die von den Arbeitern der Lachsfarmen erschossen werden, fange ich auch gleich an zu heulen.

Und niemand außer Raimund scheint es zu interessieren. Zu viel Geld bringt die Industrie in den Ort. Zwar schimpfen die Fischer wie Don Mircol, weil es kaum noch was zu fischen gibt, aber am Ende des Tages vermieten sie auch ihre Bote an die Lachsfarmer. Nur Don Mircol nicht. Er hat aufgegeben, sein Boot verkauft und verdient nun sein Geld als Transportunternehmer. Er erzählt mir, warum es einer Meinung nach immer weniger Fische gibt: Für das Futter der Lachse werden die kleinen Fische gefangen. Das Problem daran ist, dass es keine zweite Generation dieser Fische mehr gibt. Und so gehen den Fischern die Fische aus. Auch in den Flüssen. Ich traf ein französisches Ehepaar, die für zwei Tage zum Fliegenfischen an einem der wundervollen Flüssen gefahren sind. Ihre Ausbeute: zwei Fische an zwei Tagen. Früher kamen viele Touristen zum Fliegenfischen, heute nicht mehr. So gibt es in Patagonien einen großen Konflikt zwischen Lachsindustrie und Tourismus. Nur ist der Tourismus klein und die Lachsindustrie groß. Wer wird da wohl gewinnen? Dazu mehr beim nächsten Mal.

Lachsfarm in puero Cisnes

Ach ja, ich habe auch schon gut gegessen in Chile. Empanadas, gefüllte Teigtaschen, die es an jeder Ecke gibt, sind der Knaller. Aber wirklich gut war es beim Peruaner und in einem holländischen Restaurant!

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