Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Die Strahlen der Nachmittagssonne wärmen die Rasenfläche auf Delhis zentralem Platz, dem Connaught Place. Liebespaare sitzen auf der Wiese, Familien machen Picknick. Ein Ausflug zum Connaught Place ist eine typische Sonntagsbeschäftigung der Einwohner von Indiens Hauptstadt – einem der wenigen grünen Flecken in der 14-Millionen-Metropole. Mitten auf der Wiese sitzen Samir und Ahmad und warten auf Kundschaft. Eh es sich die Reporterin versieht, kommen die beiden jungen Männer auf sie zu: „You want earcleaning? Very cheap price!“ Wie bitte – ich lasse mir doch nicht auf einem öffentlichen Platz in Delhi von irgendwelchen Kerlen in meinen Ohren rumpuhlen! Aber es ist zu spät…Die beiden wollen wissen, woher die Dame denn kommt – und schon haben sie mich in brüchigem Englisch in ein Gespräch verwickelt. „You are married – bist du verheiratet?“ will Samir wissen. Die typische Eingangsfrage in jedem Gespräch mit Indern…

 

Die rote Mütze ist ihr Erkennungszeichen - Ahmad und Samir mit ihrem Lehrling

Am roten Stoff-Käppi auf dem Kopf sind die beiden jungen Männer für Einheimische schon von weitem zu erkennen. Ihr Werkzeug haben sie lässig unter den Saum der Mütze geklemmt: eine lange, dünne Metallnadel. Jeder Inder weiß: die beiden Burschen sind Ohrenputzer und bieten ihre Dienste feil. „Je nachdem, wie dreckig deine Ohren sind, kostet dich das 100 bis 500 Rupien“, sagt Samir und zückt geschäftstüchtig seine Metallnadel. „Ich habe aber Angst“, entgegnet zaghaft die Reporterin. Aber schon hat sie die Nadel ziemlich tief im Ohr. „Oh, very dirty!“ Wie peinlich – ich soll dreckige Ohren haben?! Zum Beweis holt Samir vorsichtig einen Brocken gelbes Ohrenschmalz hervor – das liegt bestimmt am ganzen Dreck in der Luft, da hat bestimmt jeder so viel Schmutz in den Ohren, oder?

Tut das nicht weh? - Selbstversuch der skeptischen Reporterin

Samir erzählt, dass er das Handwerk von seinem Vater gelernt hat. „Auch mein Großvater war schon Ohrenputzer. Das ist ein schöner Job, man kann vielen Leuten helfen, die meisten Ärzte können das gar nicht, richtig Ohrenputzen“, erzählt der 22Jährige. Er und Ahmad sind vor ein paar Jahren nach Delhi gezogen. Sie stammen aus Haryana im Bundesstaat Uttar Pradesh. Dort lief das Geschäft schlecht – in Delhi haben sie dagegen jeden Tag etwa zehn Kunden – macht mindestens 1000 Rupien am Tag, knapp 20 Euro. Kein schlechter Tageslohn in Indien.

„Many people, very dirty ears“, bestätigt Ahmad und nimmt sich das andere Ohr der Reporterin vor. „Oh – much, much dirty, you need medicine for cleaning, very dirty!“ Ehe ich mich versehe, tropft mir der Kerl auch noch eine durchsichtige Flüssigkeit ins Ohr. Widerspruch zwecklos – was habe ich mir da bloß eingebrockt?! Bis auf ein unangenehmes Kitzeln, als die Tropfen in den Gehörgang laufen, tut es tatsächlich nicht weh. Während ich mit skeptischem Blick den Kopf schräg halte, damit Ahmad auch noch das linke Ohr richtig sauber macht, zückt Samir ein abgegriffenes Notizbuch. Darin die Empfehlungen anderer ausländischer Kunden: „Es ist ja schon leicht abartig, sich von jemandem auf der Straße die Ohren säubern zu lassen, aber es tut wirklich nicht weh und ist eine Erfahrung wert. Lasst euch das nicht nehmen“, schreibt zum Beispiel Claudia from Germany. Eine anderere deutsche Kundin bekommt sich vor Begeisterung gar nicht mehr ein: „Hallo Freunde. Das ist das tollste Erlebnis, das ich je hatte. Da waren Massen von Dreck in meinen Ohren. Es tut nicht nur nicht weh, sondern ist sehr angenehm“, schreibt eine gewisse Babette. „Tolle Sache, erstaunlich, was da alles rausgeholt wird. Ralf from Germany“. Mit einem Wattestäbchen wischt Ahmad noch die Ohrmuschel der Reporterin aus, dann beugt er sich mit dem Mund direkt darüber und ruft prüfend „Hello, Hello“ hinein. Überstanden, und hören kann ich auch noch – und zwar deutlich besser als vorher. Erleichtert drücke ich den beiden 500 Rupien in die Hand, wische mir das Gras von der Hose und verabschiede mich. „Every time you need earcleaning, you come to Connaught Place now“, ruft mir Samir hinterher und winkt mit der roten Mütze.

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