Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Taxifahrer Rodney verlässt die große asphaltierte Straße Richtung Flughafen und biegt in eine Schotterstraße ein. Nach wenigen hundert Metern scheint es nicht mehr weiter zu gehen. Das Wasser hat sich in einer kleinen Senke gesammelt, dahinter ist die Straße durchsetzt von tiefen, matschigen Furchen. Mit einem normalen Taxi ohne Allradantrieb kommen wir wohl nicht weiter. Der Regen der letzten Tage war heftig. Rodney aber zögert nur eine Sekunde, bevor er mutig Gas gibt. Durch den kleinen See auf der Straße schaffen wir es noch. Dann aber knallt der Unterboden des Wagens auf den Matsch. Wir stecken fest. Bei sengender Mittagshitze warten wir auf unsere Rettung.

Da geht nichts mehr.

Nach einer halben Stunde taucht ein weißer Pick-Up in der Ferne auf. Es ist Freddy, er ist kräftig gebaut und trägt Zehn-Tage Bart und Schirmmütze. Der 28-Jährige heißt eigentlich Friedrich und ist vor ein paar Jahren aus Deutschland nach Südafrika ausgewandert, um dort eine Ausbildung zum Game-Ranger und Nature-Guide zu absolvieren. Seit kurzem arbeitet er als Naturführer auf der Tierfarm Na’ankuse. In der Sprache der San, der Ureinwohner Namibias, heißt das: „Gott wird uns beschützen“. Auf dieser Farm werden verschiedenste Projekte betreut: Verletzte und verwaiste Wildtiere werden gepflegt, über Leoparden und Geparden geforscht und San-Kindern eine Vorschule und Hausaufgabenbetreuung geboten. Mit dem Pick-Up und einem Seil zieht Freddy das Taxi aus dem Schlamm. Dann fahren wir über die öffentliche Schotterstraße zum 3.500 Hektar großen Gelände von Na’ankuse. 2.000 Hektar werden davon für den Farmbetrieb genutzt. 1.500 Hektar sind als kleines Naturreservat für den Schutz der Wildtiere vorgesehen. In einem riesigen mit Wasser gefüllten Tümpel verschwindet die Straße für ein paar Meter. Auch mit dem Pick-Up können wir jetzt nicht mehr weiterfahren.

Freddy auf der Behelfsbrücke

Zu Fuß geht es über eine Behelfsholzbrücke. Auf der anderen Seite wartet ein anderer Mitarbeiter in einem großen Geländewagen auf uns, in dem werden Safari-Touren für Tages­touristen auf dem Farmgelände angeboten. Inmitten der Savannenlandschaft steht eine großzügige Lodge-Anlage. Wir werden begrüßt von einer selbstbewussten Hauskatze. Auf einer Farmrundfahrt kommen wir an verschiedenen Wildtiergehegen vorbei. Dort leben auch Katzen, die ein wenig größer sind. Eine der größten ist Nancy: Goldbraunes Fell, große Tatzen, riesiger Kopf. Als wir uns nähern, brüllt sie uns an und wir sehen ihre beeindruckenden Zähne. Nancy ist eine von fünf Löwen, die gepflegt werden und scheint gerade extrem schlechte Laune zu haben. Ich bin sehr froh über den Zaun, der uns trennt.

Löwin Nancy

Ein paar Kilometer weiter auf einem großen offenen Gelände steht ein weißes, flaches Gebäude. An der Wand hängt ein Holzschild, auf dem steht in weißen Buchstaben „The Clever Cubs School“. Die wurde erst im Herbst 2009 eingeweiht. Am Vormittag gehen die kleinen Kinder der San zur Vorschule und lernen Englisch und Afrikaans. 20 San-Familien leben in einem Dorf auf dem Farmgelände. Für Touristen ist es in der Regel nicht zugänglich. Die meisten der San arbeiten auf der Farm. Nur wenige von den Erwachsenen können Englisch sprechen oder schreiben. Die Vorfahren der San lebten schon vor ca. 20.000 Jahren im heutigen Namibia als Nomaden. Der Lebensraum der Urein­wohner ist in den letzten Jahrhunderten immer weiter eingeschränkt worden. Die Minorität gehört zu den ärmsten Einwohnern des Landes.

Hausaufgabenbetreuung

Jetzt am Nachmittag sitzen die Grundschüler an den Gruppentischen und machen ihre Hausaufgaben. Die Lehrerin Hilma, vom Volksstamm der Ovambo, betreut die neun Kinder. Sie werden am Morgen mit einem Bus ins 40 Kilometer entfernte Windhoek gebracht, um dort an eine staatliche Primary School zu gehen. Für den ersten Jahrgang sei es schwierig gewesen, auf die Grundschule zu gehen, erinnert sich Hilma. Sie seien die einzigen San auf der Schule gewesen. Der zweite Jahrgang kann sich jetzt schon an den älteren Schülern orientieren.

Maria (v.l.) und Josef

Ganz alleine ist hingegen noch Josef. Der 18-Jährige ist der einzige San auf seiner High-School. Seine Schwester Maria kommt zu ihm gelaufen. Die 7-Jährige gehört zur ersten Gruppe, die seit einem Jahr zur Grundschule in die Hauptstadt gebracht wird. Dort hat sie nun bis zur dritten Klasse Afrikaans als Hauptsprache. Englisch ist eines von mehreren Fächern. Ab der vierten Klasse werden alle Fächer in Englisch unterrichtet. Letzteres ist Standard in allen staatlichen Grundschulen. Allerdings ist es das Ziel, dass von der ersten bis zur dritten Klasse die Muttersprache als Hauptsprache verwendet werden soll. So sind die San, die nur einen kleinen Teil der Gesamtbevölkerung ausmachen, klar im Nachteil. Die Gefahr ist, dass die Sprache der San nicht mehr gepflegt wird. Der Staat will ihre Situation verbessern. Dafür müssen aber unter anderem neue Schulbücher in ihrer Sprache ausgearbeitet werden. Josef hat seine Hausaufgaben beendet. Jetzt hilft er seinen Eltern auf der Farm. Freddy bleibt noch ein paar Minuten und hilft Maria bei ihren Rechenauf­gaben. Gleich muss er mit dem Geländewagen zum Gepardengehege: Fütterungszeit.

Schulgebäude

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