Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Wenn die Bauern von Notki früher nachts auf die Felder mussten, war ihre Arbeit lebensgefährlich. Denn auf den Feldern rund um das Dorf wimmelt es von Schlangen, erzählen die Dorfbewohner. In der Dunkelheit traten die Menschen häufig auf die Tiere. Für viele kam das Gegengift zu spät – wenn überhaupt welches verfügbar war.

Mittlerweile sind solche Unfälle seltener. Wenn die Bauern heute nachts ihre Senffelder bearbeiten müssen, nehmen sie kleine Lampen mit, die tagsüber per Solarzellen aufgeladen worden sind. Es ist eine von vielen Veränderungen, die das Leben in dem kleinen Dorf zumindest ein kleines bisschen verbessert haben.

Notki liegt nur etwa 100 Kilometer entfernt von Delhi. Doch die Fahrt aus der Hauptstadt dauert fast fünf Stunden. Wer sich auf den Weg macht, begibt sich auch auf eine Zeitreise. Von Delhi aus geht es erst durch die Boomstadt Gurgaon, in der westliche IT-Unternehmen ihre Glastürme hochziehen: ein Ausblick auf die vielversprechende Zukunft Indiens. Doch nur wenige Kilometer hinter dem aufstrebenden Stadtteil reihen sich Baracken und Strohhütten an der Straße. Schließlich biegt man ab und humpelt noch mehrere Kilometer über einen Feldweg.

Notki gehört zu einem der ärmsten Distrikte im Bundestaat Haryana. Bei fast allen Kennzahlen schneidet die Region ganz schlecht ab: Arbeitslosigkeit, Kindersterblichkeit Analphabetismus. Es ist das Indien, wie man es auf dem Land findet. Von Dörfern wie Notki gibt es in Indien etwa 700.000.

Doch seit einigen Jahren hebt sich das Dorf zumindest ein bisschen ab. Das Institute of Rural Research and Developement und das Energy and Resources Institute (TERI) haben es zu einem Modelldorf erklärt und unterstützen die Dorfbewohner jetzt mit unterschiedlichen Projekten. Dabei wird auch die klassische Energieversorgung des Dorfes auf den Kopf gestellt. Solarlaternen erhellen die Dorfwege, die Menschen kochen mit hocheffizienten Kochern und über Nacht können sie mit Solarzellen aufgeladene Lampen in ihre Hütten oder auf das Feld nehmen.

Trotzdem hatten die Dorfbewohner zunächst lange gezögert, ob sie die Hilfe der Entwicklungshelfer wirklich annehmen sollen. „Wir hatten Angst vor den Veränderungen und wollten keine Fremden ins Dorf lassen“, sagt der Dorfvorsteher. Entsprechend lange hat der Dorfrat über die Frage getagt. Mittlerweile bereut keiner mehr, die Unterstützung angenommen zu haben. „Die anderen Dörfer sind neidisch auf uns“, sagt der Ortsvorsteher.

Eine der sichtbarsten Verändeungen in dem Dorf ist eine kleine Hütte, mit den modernen Solarzellen auf dem Dach. Tagsüber werden hier 50 handliche Solarlampen aufgeladen. Über Nacht können die Bewohner Notkis die Lampen dann ausleihen. Am Anfang war die Nachfrage noch gering. Mittlerweile ist sie deutlich größer als das Angebot und TERI versucht neue Lampen zu organisieren.

Die Investitionskosten wurden von den NGOs komplett übernommen. Trotzdem müssen die Dorfbewohner etwas für die Lampen bezahlen. Die drei Rupien (4 Cent) pro Nacht und Lampe gehen größtenteils an Janshed: Der junge Mann wurde vom Dorfrat ausgewählt, die Lampen zu warten und den Verleih zu organisieren. Etwa 3000 Rupien verdient er so monatlich, das sind umgerechnet etwa 50 Euro. Ein Zusatzverdienst, den er sehr gut gebrauchen kann. Janshed wurde ausgewählt, weil er etwas krank ist, damals arbeitslos war und relativ gut ausgebildet. Gute Ausbildung in Notki bedeutet, dass er lesen und schreiben kann.

Doch auch für die Dorfbewohner rechnet sich die Solarlampe: Früher nutzten viele von ihnen Kerosinlampen. Doch der Brennstoff war deutlich teurer als die Leihgebühr für die neuen Lichter.

In früheren Projekten wurden die Lampen ohne kostenlos ausgegeben. Außerdem wurde niemand für Instandhaltung verantwortlich gemacht und auch dafür bezahlt. Die Folge: Sobald die Lampen kaputt gingen, wurden sie einfach nicht mehr genutzt. Niemand hatte den Willen, aber auch das Wissen, sie wieder zu reparieren. Jetzt prüft Janshed jeden Tag, ob noch alles in Ordnung ist. Außerdem hat er in einem Workshop gelernt, typische Macken schnell zu reparieren.

Notki ist damit Teil eines riesigen Projekts: Insgesamt knapp 50000 Lampen hat TERI und seine Partner NGOs schon an Dorfgemeinden verteilt. Schätzungsweise mehr als 2 Millionen Inder profitieren mittlerweile von dem Projekt. Das Geld für das Projekt stammt hauptsächlich aus Spenden und staatlichen Subventionen. Wieviel die Menschen für die Lampen bezahlen müssen, richtet sich nach ihrer Bedürftigkeit.

Die Arbeit der NGOs wird dazu beitragen, dass ein typisches Merkmal indischer Dörfer in Notki bald nicht mehr zu sehen sein wird. Wer durch Notki läuft, bemerkt schnell die tellergroße Scheiben aus Kuhdung, die überall herumliegen. In Indien nennt man sie liebevoll „Kuhfladen-Kuchen“. Den Dorfbewohnern dienen sie als Brennstoff zum Kochen und Heizen. Hierfür vermischen sie den Kuhdung mit Urin und legen ihn anschließend bis zu drei Tage in die Sonne. Doch das Heizen und Kochen mit dem Bio-Brennstoff ist schlecht für die Gesundheit. Problematisch dabei nicht einmal die Hygiene – die Kuhfladen-Kuchen sollen sogar eine antiseptische Wirkung haben. Gefährlich ist vielmehr der Ruß, der bei der Verbrennung entsteht: Er begünstigt Krankheiten wie Lungenkrebs und Asthma. Wer in eines der Häuser geht, erkennt die Kochecke sofort an den schwarzen Stellen an der Wand. Ruß, der auch in den Lungen der Hausbewohner eindringt.

Viele von Notkis Bewohnern bleibt das jetzt ersparrt. Dank Subventionen von Hilfsorganisitionen konnten sie sich moderne Kocher kaufen. Die neuen Geräte arbeiten um ein Vielfaches effizienter, indem sie die Flamme durch einen Ventilator mit zusätzlichem Sauerstoff versorgen. Die Dorfbewohner müssen jetzt viel seltener Brennstoff sammeln – und können freier atmen.

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