Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Die ersten Wochen meines Rechercheaufenthaltes verbringe ich in Recife, der Hauptstadt Pernambucos. Ich wohne in Torre, einem Viertel, das seinem Namen alle Ehre macht. Hier reiht sich ein Hochhaus an das nächste und man findet nahezu keine Straße in der nicht mindestens ein neuer Wolkenkratzer mit 20 bis 30 Stockwerken gebaut wird. Zu meiner Arbeit, beim Jornal do Commercio, sind es genau 6,5 Kilometer. 5,7 Kilometer fahre ich davon mit dem Bus, die letzten 800 Meter gehe ich zu Fuß. Das weiß ich deshalb so genau weil ich es nachgeschaut habe, gleich nach dem ersten Tag meines Praktikums, als ich morgens fast 45 Minuten zu spät in die Redaktion komme, da die Busfahrt 90 Minuten dauerte. Dies war in den folgenden Wochen nicht die Regel, aber auch kein Einzelfall. Es ist so voll auf Recifes Straßen, dass man auf knappen sechs Kilometern Fahrt schon mal ein ganzes Fußballspiel im Miniradio seines Sitznachbarn mithören kann.

In der ersten Woche beim Jornal do Commercio hospitiere ich in der Redação Internacional, übersetze kurze Texte, schaue den Redakteuren bei ihrer Arbeit über die Schulter und schreibe einen Artikel über britisches und deutsches Waffenrecht. Der Auslöser dafür war das Kinomassaker in Aurora in den Vereinigten Staaten. Die Arbeitsatmosphäre ist entspannt, Stress ist ein Fremdwort für die Redakteure und Reporter – die internationale Redaktion arbeitet überwiegend mit Agenturmaterial.

In der zweiten Woche wechsle ich in die Lokalredaktion. Schon auf dem Weg zur Arbeit werde ich mit zwei der beliebtesten Themen der Redação Cidades konfrontiert: dem Verkehrschaos in Recife und dem ungeschlagenen Thema Nummer eins in nahezu allen brasilianischen Medien – einem leidigen und omnipräsenten Thema, das auch in regelmäßigen Abständen für Schlagzeilen in der internationalen Presse sorgt – die unaufhörliche Gewalt und Kriminalität in Brasilien.

Wie immer fährt der Bus an diesem Morgen durch stockenden Verkehr, bis dieser an der Praça do Derby, im Zentrum Recifes, völlig zum Erliegen kommt. Die Spur stadtauswärts ist gesperrt. Hunderte Schaulustige blockieren eine Straßenkreuzung. Die Polizei versucht sie bestmöglich zurückzudrängen. Assalto – ein Überfall, ruft der Busfahrer einem der Fahrgäste zu. Zwei Krankenwagen schieben sich langsam durch die Menschenmassen vor eine kleine Apotheke, die ein beliebtes Ziel für Überfälle sind. Wird nicht genügend Geld erbeutet können die Medikamente gewinnbringend weiterverkauft werden. Verletzte oder gar Todesopfer gibt es auf den ersten Blick nicht zu sehen.

Bilder wie diese werden mich in den nächsten fünf Tagen von morgens bis abends direkt, oder indirekt begleiten. Es gibt keinen Tag an dem in der Lokalredaktion nicht über einen Überfall, Gewalttaten, oder einen neuen Mord im Großraum Recife berichtet wird. Die fehlende Sicherheit ist nach wie vor eines der größten Probleme in brasilianischen Großstädten.

Kein Tag vergeht, an dem nicht über einen Überfall, Gewalttaten, oder einen Mord im Großraum Recife berichtet wird.

Jorge, Hélia, Marcela, Alana, Bernardo und Simone sind Reporter in der Redação Cidades, der Lokalredaktion. Eine Woche begleite ich sie bei ihrer Arbeit. Wir fahren zu Streiks des öffentlichen Dienstes, Streiks der Zivilpolizei und des Bundesgrenzschutzes am Flughafen in Recife. Ich begleite die Reporter in Krankenhäuser, zu Schauplätzen von Überfällen und auf Pressekonferenzen. Dabei fällt mir immer wieder auf, wie leicht es ist, in Brasilien Gesprächspartner zu finden. Ich muss mich während der gesamten Zeit kein einziges Mal ausweisen, nicht bei der Polizei, nicht in einer Schule, im Rathaus, oder im Regierungspalast beim Gouverneur von Pernambuco.

Die dritte Woche verbringe ich in der Politikredaktion. Das dominierende Thema ist der Wahlkampf, denn am 7. Oktober werden in Brasilien alle Bürgermeister und Stadträte neu gewählt. In Brasilien ist der Straßenwahlkampf gerade auf vollen Touren und die Kandidaten sind der Überzeugung je lauter ihr Wahlsongs in den Straßen gespielt werden und je wilder ihre Wahlkampfhelfer durch die Straßen ziehen, desto größer seien ihre Chancen auf die heiß begehrten Ämter der Vereadores, der Stadtratverordneten. Hier eine kleine Kostprobe des Staßenwahlkampfes in Carnaíba.

In der letzten Woche hospitiere ich beim TV Jornal Mais des Fernsehsenders SBT und bin gemeinsam mit Jonnath Monteiro, einem jungen Reporter aus Caruaru, im Reportagewagen unterwegs. Die Themen sind bunt gemischt. Natürlich werden für das Morgenmagazin gerne Beiträge über die Gefahren im Straßenverkehr und Überfälle gemacht. Aber wir machen auch kurze Portraits von Personen und Beiträge über gesellschaftskritische und soziale Themen. Die Berichterstattung ist jedoch weit sensationalistischer als ich es von den öffentlich rechtlichen Sendern in Deutschland gewohnt bin.

Unterwegs mit dem Reportagewagen.

 

Archive