Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Man bezahlt Geld und bekommt etwas dafür: Es ist die einfachste Regel der Marktwirtschaft und doch beschlich mich in Chile anfangs das Gefühl, sie könnte hier – ausgerechnet hier, wo von der Bildung bis zur medizinischen Versorgung fast alles den Regeln der Marktwirtschaft gehorcht! – außer Kraft gesetzt sein. Die Verkäuferin beim Bäcker hatte meine Brötchen aus der Theke genommen, sie sorgfältig eingepackt – und hinter sich in eine Kiste gelegt. Ich sah sie mit großen, hungrigen Augen und gezücktem Portmonee an, sie guckte verständnislos zurück. Schließlich schob sie mir einen Bon über den Tresen und deutete auf einen kleinen Schalter: die Kasse. Nachdem ich dort bezahlt (und einen neuen Wisch bekommen hatte), ging ich die zwei Schritte zurück zur Dame vom Anfang, um mir gegen Vorlage des Belegs meine Tüte aushändigen zu lassen. Inzwischen weiß ich: Fast nie bestellt, bezahlt und erhält man seine Einkäufe in chilenischen Läden an der gleichen Stelle, so klein sie auch sein mögen. Nicht im Schreibwarengeschäft, nicht im Tante-Emma-Laden, nicht in der Uni-Mensa. Immer muss man zwei Anlaufstellen absolvieren – mindestens.

Auf gleich drei bringt es das Elektronikgeschäft, in dem ich mir einen Adapter besorge. Einigermaßen verloren irre ich nach erfolgreichem Verkaufsgespräch zwischen der Bedientheke, den Kassenschaltern und der Ausgabestelle hin und her, während mein Adapter mir folgt – das alles in einem Laden von etwa 50 Quadratmetern Größe und mit gefühlt ebenso vielen Angestellten. Jedem auf Optimierung getrimmten Unternehmensberater stünden die Haare zu Berge. Ich sage mir, dass hier eben jeder das macht, was er am besten kann, und lache mit den Verkäufern über meinen orientierungslosen Auftritt. Erst später frage ich mich, ob hinter diesem Prozedere nicht auch ein großes Misstrauen gegenüber dem Kunden steht: erst das Geld, dann die Ware. Ob sie in der Bäckerei denn glauben, die Leute würden sich das Brot unter den Arm klemmen und stiften gehen, wenn sie nicht vorher das Geld einsammeln? Und wenn ja: Ist es die Naivität des Wohlstandskindes, die aus dieser Frage spricht? Ich erkundige mich bei einem Chilenen nach der Erklärung für den Einkaufsparcours. Wenn Misstrauen der Grund dafür sei, sagt er, dann allenfalls gegenüber den Angestellten: „Der Chef will einfach immer an der Kasse sein.“

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